Lexipedia

Fasel Hugo · Nationalrat · 2002-04-17

Fasel Hugo · Nationalrat · Freiburg · Grüne Fraktion · 2002-04-17

Wortprotokoll

Familienergänzende Betreuungsplätze sind eigentlich Teil einer zeitgemässen, modernen Familienpolitik. Oder man könnte es auch etwas dürr, unfreundlich sagen: Familienergänzende Betreuungsplätze sind nichts anderes - nicht mehr und nicht weniger - als eine zeitgemässe Infrastruktur unserer Gesellschaft. Diese Gesellschaft hat sich verändert. Die Grossfamilie gibt es nicht mehr, die Individualisierung ist von der Wirtschaft längst durchgesetzt worden. Die Erziehungsmodelle haben sich geändert, genauso wie man früher aufgrund veränderter gesellschaftlicher Situationen die obligatorische Schulzeit einführte, genauso wie man einmal aufgrund der Individualisierung die AHV einführte und wir gestern die berufliche Vorsorge diskutierten, genauso wie es einmal hiess, wir brauchen jetzt breitere und schnellere Strassen, oder wie es zuletzt hiess, wir bräuchten nun zusätzliche Tunnels. Um bei diesem Bild zu bleiben, an die Adresse einiger Vertreter der SVP-Fraktion: Die längste Warteschlange in diesem Lande ist nicht diejenige am Portal des Gotthards. Die längste Warteschlange ist die auf den Wartelisten der Krippeninstitutionen, und das nicht erst seit ein paar Monaten, sondern seit Jahren. Diese Warteschlange zu beseitigen ist um ein Vielfaches billiger, als etwa noch eine Tunnelröhre zu bauen; das sind die Relationen. Setzen Sie vernünftige Prioritäten. Um das Bild abzuschliessen: Für viele Eltern ist die "Phase Rot" seit Jahren Alltag und nicht erst, wie beim Gotthardportal, seit einigen Monaten.

Es gibt nicht nur Gründe für Krippenplätze, die im Interesse des Kindes sind, wie dies meine Vorrednerin ausgeführt hat, sondern auch Gründe wirtschaftlicher Art. Man soll den Leuten bekanntlich in das Ohr reden, das offen ist. Herr Gutzwiller hat schon darauf hingewiesen: Studien haben gezeigt, dass jeder in familienergänzende Betreuungsplätze investierte Franken ein gut investierter Franken ist, weil er mehrfach zurückfliesst. Das haben selbst der Arbeitgeberverband und sein Direktor, Herr Hasler, erkannt und sind deshalb mit diesem Anliegen selber an die Öffentlichkeit getreten.

Wenn wir Krippenplätze einrichten, ist jedem freigestellt, ob er davon Gebrauch machen will oder nicht. Es wird niemand zu seinem Glück gezwungen, es braucht niemand sein Erziehungsmodell zu ändern; jeder darf es so halten, wie er will. Krippenplätze zu nutzen ist allen Eltern freigestellt.

Wenn ich schon nach Herrn Bortoluzzi sprechen darf, möchte ich doch noch etwas zum Ausdruck "Rechtsanspruch von verantwortungsmüden Eltern gegenüber dem Staat" sagen. Herr Bortoluzzi, ich kenne Sie anders, denn dieser Ausspruch genügt nur einem Kriterium, dem der lächerlichen Biertischidee. Dieser Ausdruck - das sage ich als Vater von zwei Töchtern - hat etwas Verletzendes an sich. Es hat etwas Verletzendes an sich, wenn Sie Eltern, die einen Krippenplatz anstreben, um erwerbstätig zu sein, verantwortungsmüde nennen. Das ist, ich sage es ein drittes Mal, verletzend.

Sie sagten auch, man würde damit Familien auseinander reissen. Auch dieses Argument ist nicht nur daneben, sondern auch sachlich falsch. Wenn Sie die Scheidungsrate anschauen, ist diese bei Familien, in denen beide zur Arbeit gehen, kleiner als dort, wo nur eine Person einer Erwerbstätigkeit nachgeht. Das sind die Fakten.

Es gibt tausend Gründe für die vorgeschlagene Anstossfinanzierung, und die Warteschlange ist lang. Investieren wir diese wenigen Mittel in eine zeitgemässe Infrastruktur für familienergänzende Betreuungsplätze.