Lexipedia

Heim Bea · Nationalrat · 2017-09-28

Heim Bea · Nationalrat · Solothurn · Sozialdemokratische Fraktion · 2017-09-28

Wortprotokoll

Man stellt ja fest, dass immer mehr Konsumentinnen und Konsumenten auf biologische Lebensmittel setzen. Das Tierwohl ist den Konsumierenden wichtig, regionale Produkte sind ein Megatrend. Jeder neue Lebensmittelskandal verstärkt diese Entwicklungen. Man könnte sagen, im Trend sei alles bestens, wie es der Bundesrat meint. Nein, trotz der positiven Entwicklungen gibt es da mehr als einen Widerspruch.

Viele Lebensmittel werden ganz oder teilweise importiert. Auch wenn die Deklarationspflicht nicht so ausgebaut ist, wie ich es mir wünschen würde, können wir beim Einkaufen zwar zumindest teilweise überprüfen, woher die Lebensmittel kommen, und unsere Konsequenzen daraus ziehen. Pouletfleisch aus osteuropäischer Massentierhaltung zum Beispiel muss niemand kaufen, Fleisch von antibiotikabehandelten Rindern aus Südamerika auch nicht, vorausgesetzt, die Deklaration räumt uns Konsumentinnen und Konsumenten die Wahlfreiheit ein. Anders sieht es aber aus, wenn wir - was alle von uns tun müssen - verarbeitete Lebensmittel kaufen oder auswärts essen. Eier von Käfighühnern in Teigwaren sind an der Tagesordnung. Bei industriell hergestellten Convenience-Produkten sind die Zutaten oft ein Rätsel, und das nicht nur, weil sie gerne in einer 6-Punkt-Schrift aufgedruckt werden. Kurz, wer nicht aufpasst wie ein "Häftlimacher", macht sich rasch zur Komplizin bzw. zum Komplizen der Qualzuchtindustrie. Was man leider keinem noch so nachhaltigen Lebensmittel ansieht, sind dann die Arbeitsbedingungen der Menschen, die sie produziert und verarbeitet haben. Auch hier bringt die Fair-Food-Initiative eine Verbesserung.

Die Forderung nach Lebensmittelsicherheit ist nicht das Orchideenlobbying weltfremder Wissenschafterinnen und Wissenschafter und auch keine Pseudoaufgeregtheit der [PAGE 1666] Medien. Die Lebensmittelsicherheit betrifft uns alle, ob wir uns darum kümmern oder nicht - oft auch an Orten, wo man ihren Einfluss nicht auf den ersten Blick erkennen mag. Dabei möchte ich mich auf einen Gesundheitsaspekt konzentrieren.

Sie wissen, antibiotikaverseuchtes Fleisch ist eine Quelle resistenter Keime. Die Folge des Konsums sind zunehmend auch bei uns Konsumentinnen und Konsumenten antibiotikaresistente Keime. Wir stellen bei den Patientinnen und Patienten in unseren Spitälern fest, dass die heute verfügbaren Antibiotika immer weniger gegen Infekte wirken.

Die Forderungen der Initiative sind also allein schon aus diesem Blickwinkel wichtig. Der Philosoph Feuerbach hatte vor 167 Jahren Recht, als er sagte: Der Mensch ist, was er isst. Ich möchte diesen Satz variieren. Denn es gilt gleichermassen: Der Mensch isst, wie er ist. Ich esse gerne gesunde, umweltgerecht produzierte Lebensmittel, von Menschen, die anständige Löhne bekommen, gepflanzt und gepflegt, geerntet und verarbeitet. Für all das steht die Fair-Food-Initiative.

Leider stellt sich die Frage, ob die konkrete Formulierung der Initiative nicht auch ein Schadenpotenzial für unsere Exportwirtschaft in sich birgt. Darauf wurde schon mehrfach hingewiesen. Weil mir der Werkplatz Schweiz, die Arbeitsplätze in unserem Land genauso wichtig sind wie der nachhaltige, faire Umgang mit Lebensmitteln, unterstütze ich den Gegenvorschlag. Er bietet ähnliche Chancen wie die Initiative, ist aber unmissverständlicher und schlanker formuliert. Der Gegenvorschlag führt nicht zu einer Verteuerung der Lebensmittel, eher zu einer Vergünstigung, weil die Einfuhrzölle für nachhaltig produzierte Lebensmittel, die nicht auch gleichzeitig in der Schweiz produziert werden, gesenkt werden können. Er ist aus unserer Sicht auch mit den Handelsverträgen kompatibel.

Darum sage ich zu den Zielen der Fair-Food-Initiative an sich Ja. Aber bitte sagen Sie Ja zum Gegenvorschlag. Das ist aus unserer Sicht der praktikable Weg.

Heim Bea · Nationalrat · 2017-09-28 | Lexipedia | Lexipedia