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Hollenstein Pia · Nationalrat · 2002-06-10

Hollenstein Pia · Nationalrat · St. Gallen · Grüne Fraktion · 2002-06-10

Wortprotokoll

Ich beantrage Ihnen, diesen Artikel ganz aufzuheben.

Was in der Privatwirtschaft und in jedem anderen öffentlichen Dienst nicht funktioniert, funktioniert auch nicht im Militär. Keiner geschickten Führungsperson käme es in den Sinn, eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter zu befördern, wenn die betreffende Person gar nicht will, keine Lust dazu hat und sogar Horror vor dieser Mehrverantwortung hat. Dies hat seine guten Gründe. Gute Kaderleute sind jene, die motiviert sind, ihre Führungsfunktion wahrzunehmen, und Lust dazu haben. So ist es nun einmal. Bloss im Militär soll es anders sein. Das leuchtet mir nicht ein. Ich beantrage [PAGE 812] Ihnen, auf die Festlegung des Zwanges zum Weitermachen zu verzichten.

Wenn Sie sich einmal ein wenig umhören, kommen Ihnen Horrorgeschichten zu Ohren, wie junge Menschen überredet, nein, mehr gezwungen werden, eine militärische Karriere zu machen, obwohl es ihnen zutiefst zuwider ist. Viele junge Männer leiden während der Dienstzeit enorm darunter, dass man sie möglicherweise zwingt, gegen ihren Willen weiterzumachen. Wenn ein Betrieb Menschen in höhere Posten zwingen muss, stimmt doch etwas nicht! Wenn jemand gezwungen werden muss, mehr Verantwortung zu übernehmen, sind die minimalsten Voraussetzungen für eine verantwortungsvolle Ausübung der neuen Aufgabe nicht gegeben.

Die Armee gab sich in den letzten Jahren Mühe, vom Image einer negativen, autoritären Führung wegzukommen und so weit wie möglich Wünsche der Betroffenen zu berücksichtigen. Wenn sich die Armee das Mäntelchen der modernen Pädagogik umhängen will, muss sie auch vom gesetzlichen Zwang zum Weitermachen absehen. In keinem KMU und in keinem Grossbetrieb werden Menschen in Positionen gehievt, in die sie gar nicht wollen. Zu Recht! Denn wer einer Person mehr Verantwortung übertragen will, soll dies mit Überzeugen tun, aber nicht mit Zwang.

Zudem muss festgestellt werden, dass trotz dieses Zwangsartikels rund tausend Kaderleute fehlen. Diese fehlenden tausend Kaderleute sind Ausdruck davon, dass je länger, je weniger Männer auf eine Karriere im Leerlaufbetrieb Armee setzen. Immer mehr Männer erkennen, dass diese Art von Karriere "in den Sand gesetzt ist". Ich gebe zu: Ich kenne auch Männer, die diesem Betrieb etwas Positives abgewinnen können, auch dem Weitermachen. Am vergangenen Samstag hat mir ein Kollege erzählt, dass er gegen seinen Willen - aber mit wenig Widerstand - zum Fachoffizier befördert wurde. Im Nachhinein stellt er fest, dass es eine lustige Zeit gewesen sei, denn er habe sonst nie in seinem Leben Gelegenheit gehabt, in so kurzer Zeit so viele Steuergelder zu verschleudern und so viel Munition zu verpulvern.

Trotzdem bitte ich Sie, mit der Zustimmung zu meinem Antrag auf den gesetzlich verankerten Zwang zum Weitermachen in Zukunft zu verzichten. Wenn es nicht genügend junge Menschen gibt, die sich freiwillig zum Weitermachen melden, muss vielleicht wirklich wieder einmal über den Sinn oder Unsinn des ganzen Betriebes nachgedacht werden.

Ich bitte Sie, mit der Zustimmung zu meinem Antrag die Möglichkeit zu schaffen, dass wir von der Zwangsverpflichtung wegkommen und damit einer menschlicheren Methode, jener des Motivationsweges, Platz machen können.