Teuscher Franziska · Nationalrat · 2002-06-19
Teuscher Franziska · Nationalrat · Bern · Grüne Fraktion · 2002-06-19
Wortprotokoll
Die Fussball-Weltmeisterschaft ist in aller Munde. Auch in der Wandelhalle werden zurzeit [PAGE 1045] häufiger Resultate der Fussball-Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea ausgetauscht und kommentiert als die Resultate der Abstimmungen im Nationalratssaal. Fussball-Weltmeisterschaften und -Europameisterschaften sind eben gesellschaftliche Ereignisse, die selbst Fussballabstinenzlerinnen wie mich manchmal aus dem Sessel reissen können.
Die grüne Fraktion begrüsst mehrheitlich die Kandidatur der Schweiz und Österreichs für die Fussball-Europameisterschaft 2008. Wir unterstützen auch das finanzielle Engagement des Bundes. Vergleicht man zum Beispiel die geforderte Summe von 3,5 Millionen Franken mit den rund 30 Millionen Franken, welche man allein für die Expo-Wolke in Yverdon ausgegeben hat, dann ist dies für mich einmal ein überschaubares und realistisches Engagement des Bundes für eine Grossveranstaltung. Die grüne Fraktion ist grundsätzlich sehr kritisch gegenüber einer Beteiligung der öffentlichen Hand an Grossveranstaltungen wie zum Beispiel den Olympischen Winterspielen in Bern 2010. Im Gegensatz zur "Olympia-" und zur "Expo-Blackbox" dürfte es aber für den Bund bei der Euro 2008 keine unliebsamen Überraschungen geben, was die Finanzen betrifft. Die benötigte Infrastruktur mit den vier Stadien in der Schweiz ist entweder bereits gebaut oder in Planung. Die Stadien werden unabhängig von der EM-Vergabe im Dezember ohnehin realisiert. Hoffen wir, dass dannzumal im Wankdorf-Stadion das grosse, gebäudeintegrierte Solardach Wirklichkeit wird. Denn dann wäre es möglich, dass das Wankdorf-Stadion zum zweiten Mal Eingang ins "Guinness-Buch der Rekorde" finden wird, nach dem Eintrag für den grössten Grundstein, der letzten Samstag dort gelegt wurde.
Bezüglich Gesamtverkehrskonzeption betont die grüne Fraktion, dass eine gut funktionierende Anbindung an den öffentlichen Verkehr zu gewährleisten ist, damit das Fussballpublikum aus dem In- und Ausland auf das Autofahren weitestgehend verzichten kann. Hier ist dringend zu gewährleisten, dass geplante S-Bahn-Stationen wie z. B. in Bern die S-Bahn-Station Wankdorf bis zum Zeitpunkt der Eröffnung in Betrieb sind. Überdimensionierte zentrale Park-and-Ride-Infrastrukturen lehnen wir ab. Sogar bei der Expo.02 zeichnet sich ab, dass solche Grossparkplätze heute nicht mehr nötig sind. Für die lokalen Matchbesucher und -besucherinnen eignet sich der Langsamverkehr am besten, um schnell und unkompliziert zu den Spielen zu gelangen. Hier sind spezielle Fördermassnahmen zu treffen.
Leider haben Fussballmatches manchmal die unliebsame "Nebenerscheinung", dass die nationalistischen Gefühle überhand nehmen und dass es zu rassistischen Angriffen kommt. Wie die U21-Europameisterschaft in der Schweiz und die jetzige Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea zeigen, ist es durchaus möglich, dass Fussballbegeisterte sich über die Spiele freuen können, ohne dass übelste nationalistische Gefühle überborden. Schon bei der Vorbereitung zur Euro 2008 muss in der Schweiz und in Österreich eine breit angelegte Antirassismuskampagne geführt werden. Daher hat die grüne Fraktion eine Motion eingereicht, welche einen Kredit für eine breit angelegte Kampagne gegen Rassismus und Gewalt verlangt. Der Bundesrat hat mit der Fachstelle für Rassismusbekämpfung eine neue Institution geschaffen, welche für diese Kampagne eine Führungs- und Koordinationsrolle übernehmen soll. Dabei soll mit privaten Initiativen wie z. B. mit "Halbzeit gemeinsam gegen Rassismus" in Bern oder "Pro Fan" in Zürich partnerschaftlich zusammengearbeitet werden. Insofern ist die Kandidatur für die Fussball-Europameisterschaft 2008 eine Chance, das Phänomen Fussball auch unter anderen als kommerziellen Aspekten zu diskutieren.
Wir Grünen unterstützen die Vorlage und stimmen dem Kredit zu.