Wiederkehr Roland · Nationalrat · 2002-06-20
Wiederkehr Roland · Nationalrat · Zürich · Evangelische und Unabhängige Fraktion · 2002-06-20
Wortprotokoll
Ich will zuerst meine Interessen offen legen: Ich habe die Not und das Leiden der Kinder von Tschernobyl gesehen und habe den Aufbau von Therapiecamps in Weissrussland, in der Ukraine und im betroffenen Teil von Russland eingeleitet. Ebenfalls habe ich veranlasst, dass unter den Müttern Netzwerke aufgebaut werden, damit sie das Essen für ihre Kinder so zubereiten können, dass möglichst wenig Radioaktivität im Essen ist. Ich war auch zweimal in Sibirien und habe mir die Anlagen angeschaut, die Gegenstand von Verhandlungen von der Schweiz - keine offiziellen Verhandlungen, aber von Vertretern der Atomindustrie - her waren, um zu sondieren, ob Abfälle nach Russland transportiert und dort gelagert werden können. Ich muss sagen: Dort herrscht eine Sauerei, und es ist für mich eine Gewissenlosigkeit, nur schon daran zu denken, den Russen solchen Abfall überantworten zu wollen. Sie sind überhaupt nicht fähig, eine sichere Lagerung hochtoxischer Abfälle zu garantieren; sie sind auch nur an Dollars interessiert und nicht an einer ordentlichen Lagerung oder Aufbereitung.
Wir haben heute viele Argumente zugunsten erneuerbarer Energien gehört, die ich nicht wiederholen möchte. Für mich ist Folgendes klar: In der Schweiz wird kein Atomkraftwerk mehr gebaut; da kann man Optionen aufrechterhalten, so viel man will! Atomkraft ist ein Auslaufmodell. Die [PAGE 1068] Atomindustrie weiss das; es geht jetzt um den geordneten, sprich profitablen Rückzug: Herr, Du hast uns das Können genommen, nun nimm uns auch noch das Wollen. Und wir sind bereit, das Wollen aufzugeben, sobald das Geld im Kasten klingt. Also werden - als Druckmittel - Anlagen, Kühltürme und Optionen aufrechterhalten, und dann stellt sich die Frage, ob wir alle weiterhin das Viagra für diese abtretende Generation noch bezahlen wollen oder nicht.
Was mich am meisten stört an diesem jahrelangen Gezeter, ist, dass wir uns nicht voll auf Alternativen konzentrieren - wir haben gehört, dass sie alle vorhanden sind - und als Nation eine führende Rolle bei der Entwicklung dieser Alternativen spielen. Wir können dort ganz vorne sein und Arbeitsplätze für unsere KMU schaffen - und nicht für eine relativ anonyme Superatommacht. Denn Atomstrom ist nicht demokratisch, er ist nicht kleinräumig abgestützt, er ist letztlich eine Energieform, die der Demokratie widerspricht.
Für die Alternativen hingegen hätten wir in der Schweiz das Know-how, wir haben die Kräfte, wir haben die Möglichkeit - mit unseren hervorragenden KMU, mit unserem Arbeitsfrieden -, Alternativen zu entwickeln, zu forcieren, zuvorderst zu stehen. Wir überlassen das aber anderen Nationen; wir überlassen es z. B. Süddeutschland. Ich bedaure das ausserordentlich.
Es ist klar, dass wir in der Fraktion schon stundenlang über diese Dinge geredet haben, und deshalb stehen 80 Prozent unserer Fraktion hinter den beiden Initiativen. Wir bitten Sie, dasselbe zu tun.