Jositsch Daniel · Ständerat · 2019-06-20
Jositsch Daniel · Ständerat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2019-06-20
Wortprotokoll
Eigentlich finde ich es erstaunlich, was wir in dieser Woche, gestern und heute, diskutieren. Wir diskutieren aus meiner Sicht eigentlich über Selbstverständlichkeiten. Wenn ich ins Obligationenrecht schaue, das heute gar nicht mehr erwähnt wurde, weil allen klar ist, dass es nicht die Referenzgrösse sein kann, sehe ich: Es ist dort ein einziger Vaterschaftstag - Vaterschaftsurlaub kann man dem ja nicht sagen - vorgesehen.
Im Durchschnitt erhält ein Mann in der Schweiz, wenn er angestellt ist, 7,7 Tage Vaterschaftsurlaub. Eigentlich ist es beschämend - es ist bereits erwähnt worden -: Diejenigen Unternehmen, die bezüglich Vaterschaftsurlaub führend sind, sind vorwiegend international tätige Konzerne. Ikea wurde erwähnt, Sie können auch Microsoft oder Google dazunehmen. Das ist die heutige Situation im Jahr 2019 in der Schweiz. Aus meiner Sicht ist das - darauf hat Herr Kollege Bischof schon hingewiesen - eigentlich in verschiedener Hinsicht nicht nur falsch, sondern ich empfinde es auch als diskriminierend; diskriminierend und falsch, wenn ich es aus Sicht der Frauen betrachte.
Ich habe gestern schon darauf hingewiesen: Wenn ich im Vorlesungssaal stehe und 500 bis 700 erstsemestrige Studierende vor mir sehe, dann blicke ich heutzutage überwiegend in Gesichter von Frauen. Diese jungen Frauen beginnen mit ungefähr 20 Jahren ihr Studium. Sie schliessen es irgendwann zwischen 20 und 28 Jahren ab. Sie müssen heute, wenn sie Jus studieren, damit sie eine Chance im Berufsleben haben, praktisch obligatorisch ein Anwaltspatent ablegen. Sie sollten sich dann idealerweise ein bis zwei Jahre im angloamerikanischen Sprachraum aufhalten und dort einen LL.M. erwerben, und sie sollten idealerweise auch noch sonst irgendeine Weiterbildung oder vielleicht eine Dissertation machen.
Bis sie vollwertig im Berufsleben einsatzfähig sind, sind sie irgendwo knapp 35, also in einem Moment, an dem sich automatisch auch die Frage der Familienplanung stellt. Damit stellt sich auch die Frage, wie wir als Gesellschaft mit solchen jungen Frauen umgehen, die wir auf der einen Seite bis zum 35. Altersjahr top ausbilden, aber eben auf der anderen Seite aufgrund unseres - Herr Bischof hat es bereits eindrücklich gesagt - sehr rückständigen Familienbildes gewissermassen wieder zurück in die Familie schicken und denen wir sagen: Du bekommst jetzt Kinder und kannst dort schauen, und vielleicht kannst du noch ein bisschen Teilzeit arbeiten.
Auf der anderen Seite finde ich das heute geltende System auch für uns Männer diskriminierend. Ich möchte jetzt nicht auch noch meine Erlebnisse als junger Vater erzählen. Diese liegen ein bisschen weiter zurück als jene von Herrn Caroni, aber auch nicht so weit; mein Sohn ist mittlerweile 15. Aber ich kann mich auch noch bestens daran erinnern, wie es war. Auch da muss ich Ihnen sagen: Natürlich habe auch ich - denn wer nimmt schon einen Tag Urlaub? - mehrere Wochen unbezahlten Urlaub genommen, um hier in der ersten Familienphase mit dabei zu sein. Wer würde das heute nicht machen? Aber ich musste es mir gewissermassen erkämpfen, es ist in dieser Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit.
Darum muss ich Ihnen sagen, Herr Caroni: Sie haben den - ich weiss nicht - scherzhaften Titel "Do it yourself!" für Ihre parlamentarische Initiative gewählt. Kinder haben und in der Gesellschaft erziehen ist nicht einfach ein Do-it-yourself-Thema, sondern das ist ein gesellschaftliches Thema, dessen wir uns annehmen müssen. Vor diesem Hintergrund muss ich Ihnen Folgendes sagen - das heutige Familienmodell, das eben nach wie vor im Gesetz gilt, zementiert ein Modell, das besagt: Der Mann ist berufstätig, und die Frau ist idealerweise zu Hause und mit der Betreuung der Kinder beschäftigt. Das ist nicht die Zukunft, das wissen wir; und wenn es nicht die Zukunft ist, dann sollten wir schleunigst ein Modell gestalten, das der Zukunft entspricht.
Auf uns kommen neue Themen zu, es wurde teilweise schon erwähnt. Wir stellen uns die Frage: Wie kann man Beruf, Familie und konstante Weiterbildung unter einen Hut bringen? Als Präsident des Kaufmännischen Verbandes bin ich konstant mit der Thematik der Weiterbildung, praktisch bis zur Pensionierung, beschäftigt. Da stellt sich sofort die Frage: Wie arrangieren wir das in der Familie? Wir haben das Thema Fachkräftemangel. Da macht es wenig Sinn, Leute bis 35 auszubilden - faktisch die Hälfte der Bevölkerung, nämlich die Frauen - und dann zu sagen: Ja, aber von jetzt an geht es eigentlich nur noch mit Teilzeit. Wir haben alle diese Herausforderungen, die auf uns zukommen, und gehen diesen mit einem Familienmodell entgegen, das völlig veraltet ist.
Die Initiative, die heute auf dem Tisch liegt, löst diese Probleme nicht vollumfänglich, das ist völlig klar. Ich muss all denjenigen, die sich für ein Modell Elternzeit ausgesprochen haben, sagen: Ja, auch ich sehe das für die Zukunft. Aber ich halte es für einen falschen Weg, zu sagen: Weil wir mit der Vorlage, die heute auf dem Tisch liegt, noch nicht bis ans Endziel kommen, wollen wir lieber nichts.
Ich glaube, und das habe ich hier in diesem Haus gelernt, man muss auch ein bisschen Geduld haben. Auch ich, als ich vor zwölf Jahren von der Bevölkerung des Kantons Zürich freundlicherweise in dieses Gebäude geschickt worden bin, habe mir vorgestellt, ich könnte jetzt hineinkommen und die Welt verändern. Ich musste feststellen, dass das sehr viel langsamer geht, als ich mir das vorgestellt habe. Von dem her weiss ich, dass wir schrittweise vorgehen müssen. Aber ich sehe, welchen Kampf wir bereits führen müssen, um hier solche Fragen, wie wir sie gestern und heute behandeln, zu klären, um kleine Schrittchen zu machen. Gestern hat meine Kollegin zur Rechten gesagt: "Quötchen mit Samtpfötchen". Heute machen wir ein bisschen etwas, um ein modernes Familienbild zu gestalten.
Von dem her möchte ich Sie bitten - ich unterstütze die Initiative -, doch immerhin dem Gegenvorschlag hier zum Durchbruch zu verhelfen.