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Kälin Irène · Nationalrat · 2019-09-11

Kälin Irène · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion · 2019-09-11

Wortprotokoll

Es ist lange gegangen in der Schweiz, bis wir eine einigermassen anständige Mutterschaftsversicherung eingeführt haben - viel zu lange. Und unser Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen ist nicht gerade eine familienpolitische Offensive, sondern eher ein minimalistischer Beitrag an die Gesundheit der Mütter und der Babys. Echte Familienpolitik sieht anders aus.

Und nun sprechen wir also darüber, ob es auch einen Vaterschaftsurlaub braucht - endlich. Und ja, es braucht ihn - und [PAGE 1453] wie es ihn braucht! - für die Väter, für die Mütter, für die Kinder und für unsere Gesellschaft. Er ist längst überfällig. Das zeigen auch all jene Arbeitgeberinnen, die ihren Arbeitnehmenden bereits heute einen Vaterschaftsurlaub zugestehen und finanzieren. Freilich sind die von der Initiative geforderten 4 Wochen und die im Gegenentwurf davon übrig gebliebenen 2 Wochen viel zu wenig, so, wie auch die Diskussion über Mutterschaftsurlaub und Vaterschaftsurlaub bereits überholt ist. Was Familien brauchen, ist Elternzeit; was Eltern brauchen, ist Elternzeit; was Kinder brauchen, ist Elternzeit; was die Gleichstellung voranbringt, ist Elternzeit.

Aber reden wir über Vaterschaftsurlaub! Halten wir uns den unglaublichen Missstand vor Augen, dass Väter heute per Gesetz nur gerade Anspruch auf einen einzigen freien Tag haben, wenn sie ein Kind bekommen - einen einzigen Tag! Und das, obwohl in der Regel bereits die Geburt eines Kindes länger dauert. Der Start ins Familienleben ist heute gleichbedeutend mit einem Umzug: Für beides gibt es einen Tag frei. Während die Organisation des Umzugsservice auf ein bestimmtes Datum fixiert werden kann, halten sich Kinder nur selten an ihren errechneten Geburtstermin. Und so kann es sogar bei guter und vorausschauender Organisation geschehen, dass die Ferien, die man als Mann extra für den Vaterschaftsurlaub reserviert hat, verstreichen, während das Kind auf sich warten lässt.

So viel zum Thema, es brauche den Vaterschaftsurlaub nicht, denn man könne dafür ja Ferien nehmen. Das kann man nur bedingt, und der Start ins Familienleben hat ganz sicher nichts mit Ferien zu tun.

Kommen wir zum zweiten Märchen, es brauche den Vaterschaftsurlaub nicht, denn die Mutter sei ja da, habe Mutterschaftsurlaub, und alles, was das Kind kurz nach der Geburt brauche, könne die Mutter sowieso besser: Es ist richtig, dass Väter zwar schlecht stillen können und des Gebärens bisher unfähig geblieben sind, aber sonst können Väter doch eine ganze Menge: Väter können ihre Kinder baden, die Nabelschnur pflegen, ihnen frische Windeln umbinden und alte entsorgen, ihnen Kleider aus- und anziehen, den Schoppen wärmen, den Schoppen geben, die "Milchgörpsli" weg- und aufwischen, den Kinderwagen herumfahren, das Kind herumtragen, wenn es Magenkrämpfe hat, das Kind herumtragen, wenn es weint, das Kind herumtragen, wenn es nicht schlafen kann, und das Kind herumtragen, wenn es schlafen kann. Selbstverständlich ist die Reihenfolge dabei völlig frei und nicht abschliessend, und in der Regel wiederholt sie sich in nicht vorhersehbarer Abfolge.

Vor diesem Hintergrund sollte längst unbestritten sein, dass es den Vater genauso braucht wie die Mutter, ja mehr noch: Der Vaterschaftsurlaub ist eine Chance für die ganze Familie, der Startpunkt für eine freiere Rollenverteilung und eine grosse Entlastung für die Mütter. Eine freiere Rollenverteilung bedeutet, unabhängig vom Geschlecht die gleichen Freiheiten zu haben, auch als Eltern. Ein anständiger Vaterschaftsurlaub ist unentbehrlich für mehr Gleichstellung und eine faire Aufgabenteilung innerhalb der Familie, auch wenn der Name für gleichgeschlechtliche Frauenpaare fragwürdig ist und bleibt und den Regenbogenfamilien mit den vorliegenden Entwürfen nicht Rechnung getragen wird.

Kommen wir zum letzten Märchen: Die Wirtschaft kann sich das nicht leisten. Solange es sich die Wirtschaft leisten kann, Männer und hin und wieder auch Frauen jährlich für den Militärdienst zu entbehren, ist sie mit Sicherheit auch fähig, Väter zu entbehren, damit diese sich um ihre Kinder kümmern können und sich als Familie organisieren lernen. Denn während die Nachhaltigkeit im ersten Falle nicht unbestritten ist, so ist der nachhaltige Nutzen eines Vaterschaftsurlaubs sicher. Kinder sind die Zukunft unseres Landes - auch unserer Wirtschaft.

Namens der Grünen bitte ich Sie, allen Minderheiten zu folgen, welche über den "schmürzeligen" Gegenentwurf des Ständerates von 2 Wochen und die minimalistische Initiative hinausgehen, und insbesondere die Minderheiten III, II und I für eine Elternzeit zu unterstützen. Wir müssen heute einen Schritt vorwärts machen, und wir tun uns und insbesondere unseren Kindern einen grossen Gefallen, wenn wir da nicht die kleinstmögliche Variante wählen. Oder mit der Metapher von heute: Wir nehmen den Spatz in der Hand, aber wir wollen die Taube.