Feri Yvonne · Nationalrat · 2019-09-11
Feri Yvonne · Nationalrat · Aargau · Sozialdemokratische Fraktion · 2019-09-11
Wortprotokoll
Vater zu werden ist ein Privileg, das Rechte und Pflichten mit sich bringt. Vaterschaftsurlaub sollte beides sein.
Die OECD-Länder gewähren im Durchschnitt eine Elternzeit von 54 Wochen. Mehr als die Hälfte von ihnen bieten mindestens 43 Wochen. Als einziges Land Europas kennt die Schweiz weder einen bezahlten Vaterschaftsurlaub noch das Recht auf einen unbezahlten. Lediglich ein freier Tag wird dem werdenden Vater gewährt - bescheiden!
Nun machen wir endlich einen Schritt vorwärts. Es gibt viele Gründe für einen längeren Vaterschaftsurlaub in der heutigen Zeit. Abgesehen davon ziehe ich die Bezeichnung "Vaterzeit" vor - aber das nur nebenbei. Es geht ja dabei nicht darum, Urlaub zu machen, sondern sich dem Kind zu widmen und die Familie als Ganzes zu entlasten. Alle, die eigene Erfahrungen damit gemacht haben, können mir sicher zustimmen: Urlaub sieht anders aus.
Die Eidgenössische Koordinationskommission für Familienfragen hat 2018 wissenschaftlich fundierte Argumente und Empfehlungen für eine Elternzeit herausgegeben. Sie zählt neun Gründe auf; ich möchte auf einige davon eingehen.
Elternzeit fördert die Vater-Kind-Beziehung. Laut Entwicklungspsychologen spielt die Elternbindung in der frühkindlichen Phase eine wichtige Rolle. Mit einem Vaterschaftsurlaub bzw. einer Elternzeit kann das Kind zu den beiden wichtigsten Bezugspersonen eine stabile und enge Beziehung aufbauen. Leider bleiben nicht alle Elternbeziehungen auch als Paarbeziehung bestehen: Bei einer allfälligen Trennung bleiben heute vielfach die Kinder immer noch bei der Mutter. Sind aber die Eltern gleichberechtigte Bezugspersonen, eröffnet dies Vätern und Müttern neue Möglichkeiten zur Aufteilung des Obhutsrechts.
Elternzeit erhöht die Erwerbstätigkeit der Mutter. 18 Prozent der teilzeiterwerbstätigen Frauen in der Schweiz würden gerne mehr arbeiten. Es ermöglicht ihnen, qualifiziertere Stellen anzunehmen. Sie zahlen folglich mehr Steuern, sind durch die Erhöhung ihres Pensums finanziell unabhängiger und können durch höhere Beiträge in die erste und zweite Säule ihre Altersvorsorge verbessern. Das wiederum bringt Einsparungen im EL-Bereich.
Elternzeit lohnt sich für Unternehmen. Das Schlagwort "Fachkräftemangel" ist in aller Munde. Eine Elternzeit ermöglicht es einer Frau, im Erwerbsleben zu bleiben, ohne auf den Kinderwunsch zu verzichten, und dies, wie wir vorhin gehört haben, sogar zu einem grösseren Pensum. Die Unternehmen profitieren also von einer geringeren Fluktuation und mehr Fachpersonen.
Elternzeit ist volkswirtschaftlich ein Gewinn. Umfassende Literaturanalysen widerlegen die häufig aufgeführten ökonomischen Bedenken. Es gibt Berechnungen, die besagen, dass eine einprozentige Erhöhung der Erwerbsquote von Frauen genügt, um über die höheren Steuereinnahmen die Kosten für eine Elternzeit von 18 bis 20 Wochen zu decken, und dies bei einer hundertprozentigen Entschädigung für die Eltern. Wer also kann noch dagegen sein?
Elternzeit fördert die Gleichstellung zwischen Mann und Frau. Hier möchte ich betonen, dass ein Vaterschaftsurlaub in der Schweiz nicht auf Kosten des 14-wöchigen Mutterschaftsurlaubs gehen darf. Der Vaterschaftsurlaub soll eine Ergänzung sein. Eine schwedische Studie zeigt, dass bei einem zweimonatigen Vaterschaftsurlaub der Respekt der Männer vor der Betreuung und der Hausarbeit ansteigt. Damit wird eine gleichberechtigte Aufteilung aller Aufgaben gefördert.
Alle diese Gründe helfen den Eltern, Erwerbs- und Hausarbeit einfacher zu vereinbaren. Sie haben bessere Voraussetzungen, die anstehenden Aufgaben, Arbeiten und Herausforderungen gerechter untereinander aufzuteilen und in einem modernen Familienverband zu leben. Wir müssen anerkennen, dass sich die gesellschaftlichen Bedürfnisse verändert haben. Der momentan im Raum stehende Vorschlag ist ein bescheidenes Zeichen.
Setzen wir wenigstens dieses Zeichen für eine zeitgemässe Familienpolitik, und sagen wir Ja zur Initiative und Ja zum Gegenvorschlag!