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Weichelt-Picard Manuela · Nationalrat · 2019-12-16

Weichelt-Picard Manuela · Nationalrat · Zug · Grüne Fraktion · 2019-12-16

Wortprotokoll

Ich beginne vielleicht etwas unkonventionell, aber sehr realitätsnah. Stellen Sie sich vor: Ihre Partnerin oder Ihr Partner hat eine Hirnblutung erlitten. Nach zwei Wochen Kampf ums Überleben findet die Verlegung von der Intensivstation auf eine Abteilung zum Sterben statt. Die diplomierte Pflegeperson betreut an diesem Abend neben Ihrer Partnerin respektive Ihrem Partner auch noch neun andere schwer kranke Personen. Das Personal auf der Abteilung hat weder ausreichend Zeit für Sie und Ihre Kinder noch für Ihre sterbende Partnerin respektive Ihren sterbenden Partner - Sie sind mehrheitlich sich selbst überlassen. Ihre Partnerin, Ihr Partner bekommt über 40 Grad Fieber, beginnt schwer zu atmen, röchelt und schnappt nach Luft. Sie bekommen Angst. Sie haben viele Fragen, aber es hat niemand Zeit, diese mit Ihnen in Ruhe zu besprechen und Sie durch die nächsten Stunden zu begleiten.

Es wird Ihnen empfohlen, einen Kaffee in der Cafeteria zu trinken. Als Sie zurückkommen, ist Ihre Partnerin, Ihr Partner verstorben. Die Pflegefachfrau hat keine Zeit, sich mit Ihnen hinzusetzen und Ihnen die letzte Stunde zu schildern. Im Nachbarzimmer hat sich Herr X die Infusion herausgerissen, und bei Frau Y müssen noch Notfall-Blutentnahmen gemacht werden. Sie sind müde und verlassen tieftraurig Ihre soeben verstorbene Partnerin respektive Ihren Partner.

Warum schildere ich Ihnen diese Situation? Es handelt sich um ein typisches Beispiel dafür, was geschieht, wenn zu wenig Pflegepersonal, zu wenig ausgebildetes, diplomiertes Pflegepersonal, da ist, um Patientinnen und Patienten und Angehörige professionell zu betreuen. In diesem Fall sind zehn Patientinnen und Patienten auf eine diplomierte Pflegefachperson einfach zu viel. Die diplomierte Pflegefachperson konnte ihrer Aufgabe systembedingt - und ich betone: systembedingt - nur in ungenügender Weise nachkommen. Es herrscht bereits heute ein Pflegenotstand! Schade, dass Kollegin Herzog zurzeit nicht im Saal ist, denn ihre Ausführungen zum Pflegenotstand wirkten auf mich zynisch. Bis 2030 wird es noch schlimmer werden - unter anderem aufgrund der demografischen Entwicklung werden uns knapp 30[NB]000 diplomierte Pflegefachpersonen oder total 65[NB]000 Pflegende fehlen. Wir müssen jetzt handeln und die Initiative unterstützen sowie einen griffigen indirekten Gegenvorschlag ausarbeiten.

Nicht nur die Demografie wirkt sich problematisch auf die Zahl der fehlenden Pflegefachpersonen aus. Auch die schwierigen Arbeitsbedingungen und die mangelnde Attraktivität des Berufs sind ein Dauerthema. Diese können mit der Pflege-Initiative und - je nach Ausgestaltung des Gegenvorschlags - auch mit einem griffigen Gegenvorschlag verbessert werden.

Auch hier ein Beispiel: Ihre Mutter hat die Diagnose erhalten, an Alzheimer erkrankt zu sein, ist aber ansonsten sehr gesund. Es kann doch nicht sein, dass ein Arzt die typischen pflegerischen Spitex-Leistungen anordnen muss. Wie kann er wissen, ob Ihre Mutter pflegerische Massnahmen braucht oder nicht? Mit der heute und auch nach dem 1. Januar 2020 nötigen Anordnung eines Arztes werden unnötige Kosten generiert, indem Ihre Mutter ohne Not eine Arztkonsultation verursachen muss oder der Arzt, ohne die Patientin zu kennen, seine Unterschrift gibt.

Mit der Annahme des Antrages der Minderheit Maillard zu Artikel 25a Absätze 1 und 3 KVG können wir etwas für die Aufwertung des Pflegeberufs machen - und gleichzeitig nutzen wir die Gelegenheit, etwas für die Eindämmung der Gesundheitskosten zu unternehmen. Es muss in unser aller Interesse sein, die Quote von 46 Prozent Berufsaustritten nur schon aus volkswirtschaftlichen Überlegungen zu reduzieren. Ich selbst gehöre auch zu diesen 46 Prozent. Ich habe bereits in meinem ersten Berufsjahr nach Abschluss meiner Ausbildung den Beruf an den Nagel gehängt. Die Hauptgründe waren die fehlende Attraktivität des Berufsstands, der Mangel an Eigenständigkeit und der Lohn, der in einem Missverhältnis zur Verantwortung steht.

Wir können uns diese Zahl von Berufsausstiegen nicht leisten. Eines ist sicher: Wir alle werden mehr oder weniger im Laufe unseres Lebens auf Pflegepersonal angewiesen sein.

Deshalb empfiehlt Ihnen die grüne Fraktion, die Pflege-Initiative anzunehmen, auf die gesetzlichen Änderungen gemäss dem indirekten Gegenvorschlag einzutreten und alle Anträge auf Nichteintreten abzulehnen.