Friedl Claudia · Nationalrat · 2019-12-17
Friedl Claudia · Nationalrat · St. Gallen · Sozialdemokratische Fraktion · 2019-12-17
Wortprotokoll
Etwas stimmt nicht in unserer Schweiz. Da gibt es einen Berufszweig, bei dem in naher Zukunft 65[NB]000 zusätzliche Jobs auf eine Arbeitskraft warten, und doch stösst das Angebot kaum auf Interesse. Und damit nicht genug, auch in den Nachbarländern lassen sich die notwendigen Fachkräfte nicht rekrutieren, auch dort gibt es sie nicht. Ich spreche von den Pflegefachberufen, und zwar auf allen Stufen - von der Lehre bis in den akademischen Bereich.
Es ist nichts Neues: Die Bevölkerung wird immer älter, und mit den alternden Babyboomern wird der Bedarf an Pflegeleistungen in den nächsten Jahrzehnten zusätzlich steigen. Der bereits heute bestehende Mangel an diplomiertem Pflegefachpersonal wird sich gravierend zuspitzen. 6000 Fachkräfte - wir haben es schon ein paarmal gehört - müssten heute jährlich ausgebildet werden, derzeit sind es knapp die Hälfte.
Es stellt sich die dringende Frage: Warum sind die Pflegeberufe trotz hervorragenden Stellenaussichten nicht attraktiver? Genau auf diese Frage gibt die Pflege-Initiative Antworten. Die Pflegefachberufe gelten als verbürokratisiert, es gibt zu wenig Kompetenzen und Verantwortung, die Arbeitsüberlastung ist enorm, die Arbeitszeiten sind nicht mit einer Familie oder mit Vereinstätigkeiten vereinbar, und - ein wichtiges Element - die Löhne sind zu tief. Das hat Konsequenzen: 47 Prozent der Pflegenden wollen nicht bis zur Pensionierung auf ihrem Beruf arbeiten. Da müssen doch einfach die Alarmglocken läuten! Offensichtlich stimmt das Jobangebot nicht, der Pflegeberuf ist heute schlicht und einfach zu wenig attraktiv. Es führt also kein Weg daran vorbei, den Beruf wieder attraktiver zu machen.
Ein Ansatz ist die bessere Unterstützung der Aus- und Weiterbildung, was auch der Bundesrat anerkennt und was im indirekten Gegenvorschlag enthalten ist, den die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit ausgearbeitet hat. Das allein reicht aber nicht. Es braucht wirkungsvolle Massnahmen bei den Arbeitsbedingungen. Eine Umfrage hat ergeben, dass viele Pflegende bereits in der Ausbildung über einen Jobwechsel nachdenken und dass sich fast 45 Prozent in zehn Jahren nicht mehr in diesem Beruf sehen. Stellen Sie sich das einmal vor! Damit das gestärkte Aus- und Weiterbildungsangebot auch Früchte trägt, muss die Verweildauer im Beruf drastisch gesteigert werden. Deshalb sind die Arbeitsbedingungen massiv zu verbessern. Unisono erklingt der Ruf nach mehr Zeit für die Arbeit beim Patienten oder bei der Patientin. Das geht nur mit mehr Personal. Die chronische Unterbesetzung zerstört einen wichtigen Teil des Berufsbilds, nämlich den Umgang mit Menschen.
Ich will noch auf einen anderen wichtigen Punkt hinweisen: Es braucht individuellere, flexiblere und familienfreundlichere Arbeitszeitmodelle. Es muss möglich sein, auch in einem Pflegeberuf Familie und gesellschaftliches Engagement unter einen Hut zu bringen. Es braucht genügend Kinderbetreuungsplätze und entsprechende Öffnungszeiten, die an die Arbeitszeiten der Pflegenden angepasst sind.
Das Ziel ist klar: Wir brauchen einen starken Zuwachs an ausgebildetem Pflegepersonal, damit auch in Zukunft der Zugang zu einer qualitativ guten Pflege für alle gesichert ist. Die Initiative umfasst alle wichtigen Punkte, die es braucht. Ich unterstütze deshalb diese Initiative und hoffe, dass Sie das ebenfalls tun. Der indirekte Gegenvorschlag hat das Zeug dazu, im Ausbildungsbereich rascher ans Ziel zu kommen. Ich empfehle Ihnen, auch diesen zu unterstützen, sofern die Artikel 25 und 25a KVG gemäss den Minderheitsanträgen angepasst werden. Es ist nötig, dass Sie diese Korrekturen am vorliegenden Gegenvorschlag anbringen und diesem dann ebenfalls zustimmen.