Wasserfallen Flavia · Nationalrat · 2019-12-17
Wasserfallen Flavia · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2019-12-17
Wortprotokoll
Sonja ist Pflegefachfrau, zu 100 Prozent angestellt, und arbeitet in allen Schichten. [PAGE 2298] Potenziell kann sie an 365 Tagen im Jahr zum Einsatz kommen. Die Tagesschicht beginnt bereits um sieben Uhr morgens. Sie möchte nach der Mutterschaft wieder arbeiten. Arbeitet sie voll, wird sie ihre Tochter kaum sehen, weil die Arbeitszeiten unregelmässig und schlecht mit einem Familienleben vereinbar sind. Wenn sie Glück hat und ihr Pensum reduzieren kann und wenn sie auch die Arbeitstage fixer einteilen darf, muss sie dafür auf einen wichtigen Teil ihres bescheidenen Einkommens verzichten.
Therese ist fünfzig Jahre alt. Sie hat viel Erfahrung und Leidenschaft für ihren Pflegeberuf. Letzte Woche war sie in der Nachtschicht für zwölf Patientinnen und Patienten zuständig. Die Dienstärztin befand sich während vier Stunden im Operationssaal. Sie wäre zwar erreichbar gewesen, aber Therese war trotzdem für vieles auf sich gestellt und musste laufend selber Entscheidungen für die zwölf Patienten treffen. Die hohe Betreuungszahl und die Abwesenheit der Dienstärztin sind immer weniger die Ausnahme in ihrem Arbeitsalltag.
Noch zu Theo: Er ist im Stress wegen der Grippewelle, und dies nicht, weil ihn die Grippe erwischt hat, sondern weil immer häufiger ein Teamkollege oder eine Teamkollegin krankheitsbedingt ausfällt. Die Patientinnen müssen aber trotzdem behandelt werden. Theo springt ein, wo er kann.
Diese drei Beispiele zeigen exemplarisch die Situation vieler Menschen in Pflegefachberufen. Sie können ihren Beruf und die Arbeitsbedingungen nur schlecht mit der Familie oder anderen Betreuungsaufgaben vereinbaren. Sie können wegen des akuten Pflegenotstands ihren Beruf nicht so ausüben, wie sie es gelernt haben und wie es die Standards erfordern. Sie fallen aus, weil sie keine Kraft mehr haben und sogar ihre Gesundheit auf dem Spiel steht. Frust und Überarbeitung sind die Folge. Die Qualität in der Pflege der Patientinnen und Patienten sinkt.
Diese Situation wurde nun erstmals mit Zahlen belegt. Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) hat[NB]Zahlen publiziert - wir haben sie in den Voten vielfach gehört -, wonach fast die Hälfte aller Pflegefachpersonen ihren Beruf verlässt. Sie wechseln den Beruf oder die Branche oder hören ganz auf zu arbeiten. Das Obsan hat zudem ausgewiesen, dass bis 2030 rund 65[NB]000 Pflegepersonen fehlen werden. Diese Zahlen sind nicht nur besorgniserregend - sie zwingen uns zum Handeln.
Es fehlen nicht nur Pflegende in den Langzeitinstitutionen, sondern es fehlen auch Pflegende auf den Intensivstationen, auf der Neonatologie, auf den Bettenstationen, in den Psychiatrien, in den ambulanten Diensten, in der Palliative Care, kurz: überall. Es reicht nicht, nur in die Aus- und Weiterbildung zu investieren, wenn die Hälfte dieser ausgebildeten Personen dann wieder aus dem Beruf fällt.
Was sind unsere Antworten auf diese Situation? Die erste Antwort ist: anständige Löhne. Die Lohnsituation können wir verbessern, indem wir fordern, dass sich die Leistungserbringer Gesamtarbeitsverträgen anschliessen. Die zweite Antwort ist: die Arbeitssituation verbessern - und zwar mit der Einführung einer Mindestzahl an Pflegefachpersonen pro Patient. Schon heute werden Patientinnen im Spital nach sogenannten Taxpunkten zwischen 1 und 4 eingeteilt. In Pflegeheimen oder für die Pflege zuhause gelten die zwölf Pflegestufen. Es ist also nur eine Frage des Willens, dieses Betreuungsverhältnis gemäss der Intensität der Pflege zu definieren. Einfach zu sagen: "Es geht nicht", ist eine faule Ausrede.
Die GAV-Pflicht sowie die erwähnte "nurse-to-patient ratio" werden beim Gegenvorschlag von den Minderheiten Gysi Barbara bei Artikel 39b und Carobbio Guscetti bei Artikel 39a KVG gefordert.
Eine weitere Massnahme zur Aufwertung des Pflegefachberufes ist die eigenständige Abrechnung von gewissen Pflegeleistungen. Es würde die bereits selbstverantwortliche Ausübung des Berufes stärken und auch die Effizienz steigern, wenn nicht für jeden Wundverband oder jede Dusche - meistens im Nachhinein - eine Genehmigung der Heimärztin in ihrer Praxis erfolgen müsste. Diese Massnahme fordert die Minderheit Maillard bei Artikel 25a.
Es besteht akuter Handlungsbedarf, nicht nur zugunsten der Pflegefachpersonen, sondern auch zugunsten der Qualität in der Pflege für die ganze Bevölkerung. Die Volksinitiative "für eine starke Pflege" sowie der indirekte Gegenvorschlag mit den wichtigen genannten Minderheiten müssen unsere Antworten auf diese Herausforderung sein.