Günter Paul · Nationalrat · 2002-09-30
Günter Paul · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2002-09-30
Wortprotokoll
Ich möchte die Motion bekämpfen. Herr Heim, Sie irren sich wahrscheinlich in zweifacher Hinsicht.
Ich schicke aber folgende Bemerkung voraus: Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie wenigstens die Heroinabgabe als solche nicht bekämpfen und dass Sie bestätigt haben, dass die Abgabe einen günstigen Effekt auf die Schwersüchtigen hat: Die Alltagskriminalität wird verringert, und eine Reintegration in den Arbeitsprozess ist besser möglich.
Ich möchte Ihnen jetzt sagen, in welchen zwei Punkten Sie sich irren:
1. Sie haben gesagt, wenn man das Heroin umtaufe, werde es zu einem Medikament. Herr Kollege, Heroin war immer ein Medikament, das sage ich Ihnen als Anästhesist! Es ist eine Schande, dass das wirksamste Schmerzmittel, das wir hätten und das am wenigsten Nebenwirkungen hätte, verboten ist. Es ist eine Schande, dass wir es unseren Patienten nicht verabreichen dürfen, weil es verteufelt wurde und sich die Leute vor einer Sucht fürchten.
Wir brauchen in der Medizin im Umfeld von Operation und Narkose Medikamente, die ein wesentlich grösseres Suchtpotenzial aufweisen. Aber daran stört sich niemand, und niemand wird süchtig davon. Das Heroin muss heute wie z. B. in England bei schweren Herzinfarkten unter anderem Namen abgegeben werden. Bei der Abgabe von Opiaten, bei den starken Schmerzmitteln, leiden die Patienten nicht selten an Übelkeit und Erbrechen. Sie können sich sicher vorstellen, dass es für einen Patienten, der gerade einen Herzinfarkt erlitten hat, vermutlich nicht gesundheitsfördernd ist, wenn er sich übergeben muss. Gibt man ihm das Opiat Heroin, wenn auch unter einem anderen Namen, gibt es diese unerwünschte Nebenwirkung nicht.
Heroin war und ist ein Medikament. Das Problem aber ist, dass es von den Süchtigen missbraucht wird und daher das grosse Publikum aufgrund einer merkwürdigen Gesetzgebung nicht von den positiven Seiten profitieren kann. Sie müssten als Patient dagegen protestieren, dass man den Ärzten eine wichtige Waffe aus den Händen schlägt.
2. Für die Krankenkassen ist die Finanzierung der Heroinabgabe ein Bombengeschäft! Wenn wir kein Heroin an sie abgeben würden, wären die Süchtigen viel häufiger krank, und das käme die Krankenkassen sehr viel teurer zu stehen. Es kommt sie Ihrer Argumentation folgend natürlich noch billiger - da haben Sie Recht -, wenn der Staat das Heroin bezahlt. Das ist richtig. Dann können die Krankenkassen etwas sparen. Aber der Grund für das Zur-Kasse-Bitten der Krankenkassen liegt darin, dass ihre "Kundschaft" eben wesentlich weniger krank ist, wenn man diese Massnahme trifft. Daher hat es so, wie es heute geregelt ist, durchaus seine innere Logik und Richtigkeit.