Funiciello Tamara · Nationalrat · 2020-06-18
Funiciello Tamara · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2020-06-18
Wortprotokoll
Ich komme gleich zum Punkt: Es gebe keinen gleichstellungspolitischen Handlungsbedarf, ist das Fazit des Bundesrates. Ich staune bei dieser Aussage mehr, als dass ich lachen kann. Handlungsbedarf gab es ja schon vor der Corona-Krise, und die Situation der Frauen wurde in den letzten Monaten nicht besser. Die Antworten des Bundesrates auf die vorliegenden Vorstösse sind mutlos, absolut nicht kritisch und, gelinde gesagt, gefährlich für die Gleichstellungsbestrebungen in diesem Land.
Ich erwarte zum gegebenen Zeitpunkt nichts Geringeres als ein Papier und eine Strategie des Bundesrates, welche die Leistungen der Frauen und die Auswirkungen der Krise auf sie beleuchten und gleichstellungspolitische Antworten skizzieren.
Die Frauen haben uns durch diese Krise getragen: in der Pflege, an der Kasse der Lebensmittelgeschäfte, in der Reinigung der Spitäler, bei der Betreuung ihrer Kinder zuhause, beim Fernunterricht ihrer Schülerinnen und Schüler und bei der Betreuung betagter Angehöriger. 69 Prozent des Arbeitsvolumens in der Schweiz werden im Sektor der Care-Arbeit geleistet, Frauen leisten zwei Drittel dieser Arbeit; dazu kommt unbezahlte Care-Arbeit im Wert von 248 Milliarden Franken pro Jahr.
Care-Arbeit, also die Sorge für und die Versorgung von Menschen, ist entscheidend, wenn es darum geht, den Lebensstandard und das Wohlergehen von uns allen zu sichern - in Krisenzeiten ganz besonders. Doch es ist auch der Care-Sektor und damit die darin Beschäftigten, die durch diese Krise besonders betroffen sind: Distanzvorschriften sind schwierig umzusetzen, sie bedürfen wohl grösserer personeller und zeitlicher Ressourcen und verursachen einen Zusatzaufwand. Solcher Zusatzaufwand wurde bisher in unakzeptabler Art und Weise auf das Personal, also meistens auf Frauen, abgeschoben.
Frauen waren hingegen kaum vertreten, wo die politischen Entscheide über den Umgang mit der Krise getroffen wurden. Das Resultat ist bekannt: Kitas wurden vergessen und die Schutzmasken für die Hebammen auch. Doch hey, wer braucht schon Unterstützung bei einer Geburt?
Für Kritik werden wir noch Zeit haben. Wofür wir keine Zeit haben, ist, dafür zu sorgen, dass nicht die Frauen die Kosten dieser Krise tragen werden, wie sie Frau Bertschy auch schon aufgezählt hat. Über achtzig Frauenorganisationen haben einen Aufruf an den Bundesrat unterzeichnet, ebenfalls an die Frauen und ihre bezahlte und unbezahlte Arbeit bei der Bewältigung dieser Krise zu denken. Unter anderem fordern sie erstens die Aufarbeitung der Krise mit Einbezug der geschlechterspezifischen Aspekte; zweitens fordern sie, dass Frauen mit in die Expertengremien gehören; drittens fordern sie ein Gender-Budgeting und viertens ein Investitionsprogramm.
Frauen haben mehr verdient als die Antworten des Bundesrates und ein bisschen Applaus: Sie verdienen Geld, Zeit und Respekt für ihre Arbeit, und sie haben es verdient, endlich von der Politik ernst genommen zu werden, weil Frauen auch zählen!