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Herzog Eva · Ständerat · 2020-12-08

Herzog Eva · Ständerat · Basel-Stadt · Sozialdemokratische Fraktion · 2020-12-08

Wortprotokoll

Wir haben in der WBK in den letzten Monaten viel über Sport gesprochen, und ich hätte nicht [PAGE 1244] gedacht, dass wir so viele Sportspezialistinnen und -spezialisten hätten mit eigener Erfahrung im Breiten- und Spitzensport, als Schiedsrichterinnen, als ehemalige Vorsteherinnen von kantonalen Sportbereichen, mit Kindern im Spitzensport oder als Verwaltungsratsmitglieder grosser professioneller Clubs mit ihrer ganzen wirtschaftlichen Bedeutung. Entsprechend immer grosszügiger sind vielleicht auch die Beiträge an den Sport aufgrund von Corona ausgefallen. Ich selber habe vor ewigen Zeiten eine Doktorarbeit geschrieben über die Anfänge des Frauenturnens im Kanton Basel-Landschaft, und ich habe damals gestaunt, wie sehr die Männer den Frauen schon bei einfachsten turnerischen Betätigungen dreingeredet haben und wie sie so lange wie möglich verhindern wollten, dass auch Frauen Wettkämpfe austrugen, da dies doch dem weiblichen Geschlecht nicht gut anstehe und körperliche Schäden hervorrufen könne, was dann die wahre Bestimmung der Frau, nämlich gesunde Kinder zu gebären, gefährden könne.

Mit Bevormundung und Nicht-ernst-Nehmen haben wir es auch hier zu tun, aber in einem Ausmass, das ich mir nie hätte vorstellen können. Ich war erschüttert, als ich Ende Oktober die sogenannten Magglinger Protokolle gelesen habe, in denen acht ehemalige Sportlerinnen des STV über ihre Zeit in Magglingen zwischen 2005 und 2020 Auskunft geben. Ich bin dankbar, dass auf unseren Wunsch in der Sitzung der WBK vom 9. November umgehend Vertreter des STV, von Swiss Olympic und des BASPO zu den geschilderten Vorfällen Red und Antwort standen. Sie waren erstaunlich offen, was wir geschätzt haben, was uns aber noch einmal erschüttert hat. Mindestens seit der Publikation des bereits erwähnten Buches der ehemaligen Spitzenturnerin Ariella Kaeslin 2007 oder 2008 waren die Missstände im Training der rhythmischen Gymnastik und des Kunstturnens bekannt. Von 2007 bis heute wurde sporadisch mit Trainerentlassungen reagiert, aber geändert hat sich offenbar nichts.

Alle Anwesenden sagten: "Wir haben dies und jenes probiert, aber es war nicht genug. Wir dachten, mit einer Trainerentlassung ist es getan, aber das war nicht so." Die Turnerinnen wurden erniedrigt und beleidigt, es wurde physische und psychische Gewalt ausgeübt. Die Turnerinnen mussten verletzt trainieren, haben teilweise bis heute bleibende physische und psychische Schäden. Ich sage dies so klar, weil immer wieder die Bemerkung fällt: "Leistungssport ist halt anstrengend, da wird etwas gefordert. Wenn man das nicht will oder kann, soll man es bleibenlassen." Das ist - mit Verlaub - Quatsch. Mit Motivation, Begeisterung, Respekt und einer Atmosphäre des Vertrauens macht es Spass, Leistung zu erbringen, denn nach Magglingen zu gehen, ist tatsächlich freiwillig.

Die unabhängige nationale Anlauf- oder Meldestelle, die wir Ihnen beantragen, wird die Probleme nicht von alleine und nicht von heute auf morgen lösen. Aber sie ist ein wichtiger erster Schritt. Seit 2013, auch das wurde schon gesagt, gibt es auf Anregung von Swiss Olympic Meldestellen bei den einzelnen Verbänden. Aber es hat nichts gebracht, das hat uns der Vertreter von Swiss Olympic auch ganz klar gesagt. Die Angst der Turnerinnen vor Repression ist zu gross. Auch den Schritt über die Medien an die Öffentlichkeit, den diese jungen Frauen nun unternommen haben, das zu wagen, hat sie enorm viel Überwindung gekostet. Weil sie es eben doch gewagt haben, dürfen wir sie jetzt nicht hängenlassen.

Die Vertreter der Verbände und der Vertreter des BASPO haben uns klar gesagt, dass wir mit einer solchen Stelle offene Türen einrennen und dass sie bereits daran sind, eine solche Anlauf- oder Meldestelle aufzugleisen. Deshalb erschien es der überwiegenden Mehrheit der Kommission auch kein Schnellschuss, dass wir die Motion auf den Weg geschickt haben. Dass der Bund diese Stelle aufbauen soll und nicht die Verbände, dieser Meinung sind wir wirklich. Es hat sich auch klar gezeigt, dass die Verbände hier Unterstützung brauchen, dass sie dies nicht alleine tun können. Natürlich muss der Bund das in Zusammenarbeit mit den Verbänden tun, aber er muss jetzt den Lead übernehmen.

Was kann eine Meldestelle? Sie kann erstens wirklich individuelles Leid verhindern. Zweitens soll sie eine präventive Wirkung haben. Was wir als Parlament drittens mit unserer Meinungsbekundung machen können, ist, bei den bereits bestehenden Bemühungen Druck aufzusetzen, damit nicht nur wieder über Jahre geredet wird, sondern auch nachhaltig etwas geschieht.

Parallel dazu soll eine wirklich unabhängige Untersuchung eingeleitet werden. Es soll klar definiert werden, wer für die Einhaltung der Ethik-Charta von Swiss Olympic und des Code of Conduct für Trainerinnen und Trainer verantwortlich ist. Nicht zuletzt soll geprüft werden, ob sich die Vergabe von Geldern an die Vereine künftig weiterhin am sportlichen Erfolg alleine oder auch an der Einhaltung ethischer Richtlinien messen soll.

Zur Einrichtung der Anlauf- und Meldestelle gehört es, klar zu definieren, welche Sanktionen ergriffen werden, wenn Missbräuche gemeldet werden. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass man seitens des VBS wirklich gewillt ist, die Sache anzugehen und unsere Motion als Unterstützung zu begreifen, wofür ich auch der Departementsvorsteherin explizit danken möchte.

Ich bitte Sie also, der Mehrheit zu folgen und diese Motion anzunehmen.