Glättli Balthasar · Nationalrat · 2021-03-10
Glättli Balthasar · Nationalrat · Zürich · Grüne Fraktion · 2021-03-10
Wortprotokoll
Wir Grünen sagen Nein zu dieser Initiative. Wir sagen gleichzeitig überzeugt Ja zu den Minderheiten, die verschiedene Wege aufzeigen, wie wir gerade im Bereich der Tierversuche wirklich effektiver, schneller und konsequenter in Richtung der sogenannten 3R-Strategie - replace, reduce, refine - gehen können, also zuerst einmal Tierversuche ersetzen, dann vermindern und präziser ausgestalten, mit dem Ziel, dass die Belastung minimal ist.
Ich möchte aber auch kurz auf einen anderen Aspekt zu sprechen kommen, der bis jetzt zu wenig erwähnt wurde. Diese Initiative will ja nicht nur Tierversuche, sondern auch Menschenversuche verbieten. Wir haben im Jahr 2010 eine politische Auseinandersetzung um das sogenannte Humanforschungsgesetz gehabt. Wenn Sie in die Geschichte schauen, dann sehen Sie auch, dass wir Grünen uns nicht leichtgetan [PAGE 351] haben mit dieser Auseinandersetzung. Es gab von unserer Partei am Schluss eine Stimmfreigabe, und zwar, weil ein Teil unserer Delegierten der Meinung war, dass man nicht zulassen kann, dass urteilsunfähige Personen in Menschenversuche involviert sind, die nicht direkt dieser Kategorie von Menschen zugutekommen könnten. Oder sie wollten gar gänzlich ausschliessen, dass urteilsunfähige Personen, z. B. Kinder, in Versuche impliziert sein können. Aber es gab auch die anderen Stimmen, ich gehörte zu ihnen, die sagten, es sei wichtig, dass man mit der bestmöglichen Information genau solche Versuche machen kann, die die Spezialität von bestimmten Gruppen auch abbilden können.
Sie wissen es, in der Medizin gibt es vielleicht zu viele falsche Menschenversuche, aber es gibt auch zu wenig richtige Menschenversuche. Fast alle Dosierungen von Medikamenten werden auf den mittelalterlichen Mann ausgerichtet; die Kinderdosierungen werden zum Teil einfach abgeleitet, die Frauendosierungen werden abgeleitet. Man untersucht nicht, inwiefern die Biologie eines Frauenkörpers anders ist als die eines Männerkörpers und ob das eben dann auf die Anwendung und die Wirksamkeit von Medikamenten einen massiven Einfluss und auch negative Nebenwirkungen haben kann.
Deshalb ist es eben falsch, wenn man sagt, es dürfe einfach keine Menschenversuche mehr geben. Wenn es keine Menschenversuche mehr gibt, dann gibt es in der Konsequenz entweder keine Medikamente mehr, oder wir alle sind die Versuchskaninchen, weil es keine Tests gibt. Deshalb gilt auch bei den Menschenversuchen: Natürlich muss man sie, wo möglich, ersetzen, natürlich muss man die Anzahl reduzieren, und vor allem muss man sie auch verfeinern - aber verfeinern heisst nicht abschaffen!
Deshalb meine ich: Nicht nur aus Sicht einer sinnvollen Entwicklung in Richtung weniger Tierversuche, in Richtung Abschaffung und Verbot der unnötigen und unnützen Tierversuche müssen wir Nein sagen und den Gegenvorschlag bevorzugen, sondern gerade weil wir wissen - das wird ja von den Gegnern der Tierversuche immer wieder zu Recht in die Diskussion eingebracht -, dass nicht jeder Tierversuch Rückschlüsse auf die Menschen zulässt, ja dass sogar sehr viele Tierversuche keine solchen Rückschlüsse zulassen. Deshalb heisst es umgekehrt eben, dass wir die Anwendung am Menschen - und zwar nicht nur am Menschen als Modell des 50-Jährigen oder des 30-jährigen männlichen Studenten, der solche Versuche macht - prüfen müssen und dass wir sie vor allem differenzierter prüfen müssen. Dazu braucht es eine Gesetzesgrundlage, und für diese Gesetzesgrundlage braucht es eine Verfassungsgrundlage. Diese würde mit dieser Initiative weggestrichen.
Deshalb sage auch ich überzeugt Nein zu dieser Initiative.