Jositsch Daniel · Ständerat · 2021-06-03
Jositsch Daniel · Ständerat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2021-06-03
Wortprotokoll
Es geht hier um die Vergabe von Lehrstellen. Bereits 1989 wurde in der Aktion "Fairplay 01.11" im Rahmen eines sogenannten Gentlemen's Agreement zwischen ausbildenden Schulen, Berufsbildungsämtern, Berufsberatung und vor allem Lehrbetrieben vereinbart, dass bei der Lehrstellenvergabe Lehrverträge erst am 1. November des Vorjahres, also vor Beginn der Ausbildung, abgeschlossen werden. Dieser Zeitpunkt wurde festgelegt, damit eine Art Gleichheit im Wettbewerb besteht und damit vor allem auch die Jugendlichen nicht dazu gedrängt werden, möglichst früh und möglichst rasch Lehrverträge abzuschliessen. In den letzten Jahren ist dieses Gentlemen's Agreement erodiert. Unglücklicherweise, sage ich jetzt, haben die Berufsbildungsämter im Rahmen ihrer Konferenz im vergangenen Jahr die Position eingenommen, dass die Lehrstellen bereits ab März des Vorjahres publiziert werden sollen. Das wurde am 20. August 2020 verabschiedet. Sie haben sich also gewissermassen der Macht des Faktischen gebeugt.
Jetzt haben das die Lehrpersonen-Verbände, Verbände von Berufsberatenden und Berufsverbände kritisiert. In diesem Zusammenhang darf oder kann ich auch meine Interessenbindung kundtun: Ich bin Präsident des Kaufmännischen Verbandes, der mit der KV-Lehre die grösste Berufslehre in der Schweiz repräsentiert. Das heisst, verschiedene Personen, Verbände und Schulen - gewissermassen von der Front - haben hier höchste Bedenken. Warum haben sie Bedenken? Es ist ungünstig für die Lehrbetriebe, wenn so früh bereits die Suche nach Lernenden beginnt - da ist eine Art Wettbewerb nach den besten Lernenden im Gange. Es ist ungünstig für die Schulen, weil die Schulen natürlich [PAGE 464] auch möglichst viel Zeit brauchen, um mit den Schülerinnen und Schülern die Berufswahl vorzubereiten. Die Jugendlichen selbst[NB]kommen unter Druck. Sie müssen sich vorstellen, das sind 14-, manchmal 15-jährige Jugendliche, die dazu gedrängt werden, einen Lehrvertrag einzugehen.
Das ist selbstverständlich auch für die Unternehmen, für die Gesellschaft und für die Volkswirtschaft nicht optimal. Denn dadurch besteht die Gefahr, dass Lehrabbrüche gefördert werden, weil natürlich das Risiko vergrössert wird, dass jemand in der Eile der Wahl einer Berufslehre nicht denjenigen Lehrvertrag abschliesst, der zweckmässig wäre, oder[NB]nicht[NB]diejenige Lehre eingeht, die langfristig gewünscht wäre.
Vor diesem Hintergrund und angesichts dieser Entwicklung besteht das Bedürfnis, dass hier eine Gesamtschau vorgenommen wird. Das Postulat verlangt, dass die Situation abgeklärt wird und dass auch abgeklärt wird, ob es wirklich ein Problem gibt. Die Berufsbildungsämter weisen darauf hin, dass sie nicht fordern, dass die Lehrverträge bereits ab März abgeschlossen werden, sondern dass lediglich das Lehrstellenangebot publiziert wird und die Verträge dann später abgeschlossen werden. Wir befürchten aber, dass alleine schon die Publikation diesen Run auf die besten Lernenden und auf die besten Lehrstellen fördert. Von dem her erachte ich es als zweckmässig, wenn man die Situation einmal evaluiert und schaut, was die Auswirkungen sind. Dann kann man auf dieser Basis entscheiden, ob Handlungsbedarf besteht oder nicht.
In diesem Sinn ersuche ich Sie, das Postulat zu unterstützen.