Mäder Jörg · Nationalrat · 2021-06-16
Mäder Jörg · Nationalrat · Zürich · Grünliberale Fraktion · 2021-06-16
Wortprotokoll
Der Mensch ist ein sehr belastbares Wesen, vor allem dann, wenn er abschätzen kann, wie gross die Belastung ist; dann ist er zu Unglaublichem fähig. Eines der Probleme der Corona-Pandemie ist aber, dass ihre Auswirkungen auf den Einzelnen schwer abschätzbar sind. Die möglichen Krankheitsverläufe für den einzelnen Betroffenen können von asymptomatisch bis hin zu tödlich reichen. Und ja, ältere, vorbelastete Personen haben es in der Regel schwerer. Aber trotzdem: Ein absolut fitter Mittdreissiger kann von dieser Krankheit schwer getroffen werden, während ein fünfzigjähriger "Fernsehsportler" überhaupt nichts oder fast gar nichts spürt. Diese extreme Bandbreite ist aber nicht nur während des akuten Krankheitsverlaufs, also in der Anfangsphase, vorhanden, sondern auch bei den Langzeitfolgen. Das ist schon seit Längerem bekannt und in den letzten Monaten immer mehr klar geworden, das müssen wir klar anerkennen.
Sehr viele Leute, die im Spital waren, können komplett genesen, und darüber sind wir froh. Es gibt aber durchaus auch zahlreiche Leute, die einen relativ leichten Verlauf haben, der nicht enden will, die stark unter Langzeitfolgen leiden. Mehrere medizinische Studien zeigen das: Es handelt sich um Probleme der Konzentration, Müdigkeit, Atemstörungen usw. Entsprechend wichtig ist es, dass wir auch diese Leute unterstützen. Hier besteht eben das Problem dieser grossen Spannbreite: Im Vergleich zu anderen Krankheitsbildern reicht es hier nicht, ein paar wenige typische Fälle zu analysieren und daraus auf alle anderen Betroffenen zu schliessen und ihnen Empfehlungen abzugeben. Es braucht hier einen viel breiteren Ansatz.
Uns ist bewusst, dass die Wissenschaft bereits an diesem Thema dran ist. Aus Sicht der Kommissionsmehrheit möchten wir aber ein ganz klares Signal vonseiten der Politik senden, indem wir die wissenschaftliche Begleitung unterstützen und eher mehr als weniger fordern. Wir sind in der Mehrheit entsprechend auch froh, dass der Bundesrat dieses Anliegen unterstützt. Uns ist auch bewusst, und der Bundesrat hat das in seiner Antwort geschrieben, dass in gewissen Bereichen die Kantone im Lead sind. Ich bitte Sie aber, Herr Bundesrat, und ich bitte auch alle Kantonsvertreter, die hier zuhören: Bedenken Sie auch hier wieder die sehr grosse Spannbreite an möglichen Krankheitsverläufen, vor allem im langfristigen Bereich. Dann ist halt die Stichprobengrösse, die in einem einzelnen Kanton anfallen kann, vielleicht sehr, sehr klein bis komplett nicht aussagekräftig.
Bei dieser Krankheit ist es speziell wichtig, dass das koordiniert funktioniert. Ich fordere daher Herrn Bundesrat Berset auf, hier wirklich die Bundesverwaltung ihre Rolle etwas stärker wahrnehmen zu lassen. Ich hoffe, dass die Kantone den Föderalismus nicht über jedes gesunde Mass hinaus leben wollen.
Wie gesagt, die Kommission möchte das klare Signal senden, dass hier mehr getan werden muss. Insbesondere sollen möglichst auch Leute gefunden werden, die wieder genesen sind. Unter Umständen haben ja gewisse Verhaltensweisen, die sie an den Tag gelegt haben, dazu geführt, dass der Krankheitsverlauf milder gewesen ist. Genau diese Breite an möglichen Verläufen macht es schwierig und verlangt nach einem breiteren Ansatz.
In diesem Sinne möchte ich Sie herzlich dazu auffordern, Ja zu stimmen, die Motion anzunehmen und die Leute, die diese Krankheit nun über mehrere Monate mit sich tragen, nicht alleinzulassen.