Lexipedia

Roth Franziska · Nationalrat · 2021-06-17

Roth Franziska · Nationalrat · Solothurn · Sozialdemokratische Fraktion · 2021-06-17

Wortprotokoll

Heute hat jemand gesagt, die Schweiz habe nicht wirklich Ressourcen. Ich bin da anderer Meinung. Bildung ist eine starke und wichtige Ressource. Diese haben der Bund und die Kantone in der Covid-Krise vergessen. Der Bund und die Kantone haben in dieser Covid-Krise schweizweit schnell und umfassend Hilfsangebote bereitgestellt. Gut so! Aber die Studierenden und die Auszubildenden hat man in einer ersten Runde schlicht vergessen. Wenn wir nun nicht koordiniert reagieren, so nehmen wir Studienabbrüche in Kauf.

Eine schweizweite Erhebung der finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise auf die Studierenden fehlt noch. Entsprechende Auswertungen werden in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres erwartet. Wenn wir aber nichts tun, laufen wir Gefahr, dass wir im Nachhinein feststellen, dass wir etwas hätten tun müssen, und zwar für unseren Werk- und unseren Bildungsplatz. Es wäre fatal, im Nachhinein so etwas feststellen zu müssen.

Es ist mir bewusst, dass in erster Linie die Kantone zuständig sind. Dies bedeutet aber nicht, dass sich der Bund bei den Studierenden und Auszubildenden aus der Verantwortung stehlen darf. Auch ohne Corona bleibt jährlich etwa 10[NB]000 [PAGE 1466] Personen aufgrund fehlender Finanzierung eine Ausbildung verwehrt. NGO springen hier ein. Wir müssen alles daransetzen, dass die Krise die Schere nicht zusätzlich öffnet.

Die Kritiker können nun einwenden, dass langsam wieder vermehrt Jobs zurück auf den Markt kommen. Vermutlich blenden sie aber aus, dass viele Studierende überfällige Rechnungen betreffend Miete, Krankenkasse usw. zu bezahlen haben und dass ihnen die Schuldenfalle droht. Die bestehende Nothilfe ist zudem in jedem Kanton und an jeder Hochschule unterschiedlich. Dieser Flickenteppich hat das Potenzial, zahlreiche Lücken entstehen zu lassen, sodass viele Auszubildende gar keine Unterstützung erhalten.

Im Durchschnitt decken laut der Stiftung Educa Swiss, die sich für Chancengerechtigkeit einsetzt, etwa 5000 Franken den dringendsten Bedarf zur Überbrückung. Bei dieser Stiftung waren die schweizweit zur Verfügung stehenden 600[NB]000 Franken als zinslose Notfalldarlehen für Betroffene innert weniger Wochen ausgeschöpft. Es konnten rund 140 Personen in Not unterstützt und konkrete Studienabbrüche und Überschuldung vermieden werden. Die Hilfe kommt also an und nützt - genau so muss es sein. Bei den Massnahmen für die Wirtschaft wird zu Recht genau gleich argumentiert. Man anerkennt, dass es möglicherweise über die Krise hinaus noch Hilfe braucht. Die Studierenden und Auszubildenden sind die Berufsleute von morgen.

Laut einer Erhebung der Universität Bern gaben von 1316 Studierenden 15 Prozent einen Nebenjobverlust an, 11 Prozent hatten finanzielle Probleme. 19 Prozent der Studierenden befürchteten eine Verlängerung des Studiums, über 3 Prozent eine Studienunterbrechung und 2 Prozent einen Studienabbruch.

Gehen wir bei den Studierenden von einer Anzahl von 300[NB]000 Personen aus, so könnten analog zu dieser Erhebung 2 bis 5 Prozent akut von einer Studienunterbrechung oder einem Studienabbruch bedroht sein. Wenn wir von nur 2 Prozent nachweisbar Betroffenen ausgehen, bedeutet dies einen Fondsbedarf von etwa 30 Millionen Franken. Wenn mit dieser Summe die Zukunft von 6000 Betroffenen gesichert werden kann, ist der volkswirtschaftliche Nutzen um ein Vielfaches höher, als wenn wir sie das Studium abbrechen lassen. Zudem können wir damit bei jungen Menschen Leid verhindern.

Darin, dass uns die Überbrückungshilfen günstiger kommen als alles andere, sind wir uns doch hoffentlich einig. Wir wollen nicht abwarten, bis uns irgendwann die Zahlen belegen, dass Hilfe nötig gewesen wäre. Lieber stellen wir jetzt die Mittel zur Verfügung. Einen schweizweiten Fonds, der allen Personen in einer Aus- oder Weiterbildung zur Verfügung steht, können wir ohne hohe Kosten, rasch und mit bewährten Mitteln einrichten.

Geben wir uns also einen Ruck, und stellen wir die notwendigen Mittel für die Auszubildenden zur Verfügung!