Kälin Irène · Nationalrat · 2021-11-29
Kälin Irène · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion · 2021-11-29
Wortprotokoll
Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen Nationalrätinnen und Nationalräte; sehr geehrter Herr Generalsekretär und sehr geehrte Mitarbeitende der Parlamentsdienste; sehr geehrte Gäste aus dem Aargau, Herr Landammann, Herren Regierungsräte, Herr Grossratspräsident, Frau Grossrats-Vizepräsidentin, Herr Grossrats-Vizepräsident, Frau Staatsschreiberin, Frau Ratssekretärin, Herr Grossrat und Fraktionspräsident der Grünen; sehr geehrte Gäste aus Oberflachs und Schinznach-Dorf, Herr Gemeindeammann, gewählter Herr Gemeindeammann, meine Damen Gemeinderätinnen, Herr Gemeindeschreiber; liebe Herren alt Nationalräte; liebe Familie von nah und fern; liebe Freundinnen und Freunde; liebe Kinder, liebe Octavia, liebe Jara, liebe Nerea, liebe Zoe, liebe Alba, liebe Aki, cher Jeremie, lieber Anatole, lieber Horace und mein herzallerliebster Elija; liebe Gäste und alle Lieblingsmenschen, die heute nicht hier sein können, aber denen ich mich verbunden fühle: Ich bedanke mich von Herzen für das Vertrauen, geschätzte Kolleginnen und Kollegen. Ich danke von Herzen, dass Sie mir für dieses Amt, das ich nun bekleiden darf, Ihre Stimme gegeben haben - ein Amt, das grösser ist als ich; ein Amt, das grösser ist als wir alle zusammen.
La première citoyenne du pays est un symbole de notre démocratie; une expression de notre diversité et de notre unité. Elle incarne le respect à l'égard du souverain, c'est-à-dire des citoyennes et des citoyens de notre pays. En ce sens, c'est avec un grand honneur que j'assume la tâche de les représenter. Et si je suis verte sur l'échiquier politique, je suis avant tout Suisse dans ma fonction de présidente: la première citoyenne ne représente pas un parti, mais bien l'ensemble de ses concitoyennes et concitoyens. J'oserais même ajouter qu'elle représente aussi toutes les personnes qui habitent notre pays, peu importe leur nationalité ou leur passeport. Celles et ceux qui n'ont aucun droit politique, mais ont trouvé dans la Suisse une patrie d'adoption.
Heute nehme ich als Zweihundertste auf diesem Stuhl Platz, als fünfzehnte Frau und als zweite Grüne in der Geschichte unseres Landes. Das ist eine Ehre, eine Verpflichtung - es erfüllt mich mit Stolz und Demut zugleich. Was nämlich für mich heute selbstverständlich ist, war für meine Grossmütter noch ein Traum, wenn überhaupt. Ich gehe seit meinem ersten Tag hier im Parlament selbstverständlich ein und aus. Meine Grossmütter wären höchstens Zuschauerinnen auf der Tribüne gewesen, wenn überhaupt. Man sprach ihnen ihre politischen Rechte mit derselben Selbstverständlichkeit ab, wie ich sie heute ausübe. Das Unrecht, dass meine Grossmütter lange keine politischen Rechte hatten, wird nicht kleiner dadurch, dass ich meine politischen Rechte heute nütze und nutze.
Aber dass ich und wir alle uns dieses Unrechts heute bewusst sind, zeigt doch, dass sich in den letzten fünfzig Jahren mehr und mehr ein neues Selbstverständnis durchgesetzt hat; ein Selbstverständnis, das es mir ermöglicht, heute selbstverständlich und gleichberechtigt auf diesem Stuhl Platz zu nehmen. Es ist zudem auf den Tag genau fünfzig Jahre her, dass die ersten elf gewählten Volksvertreterinnen zum ersten Mal hier im Saal Platz nehmen durften: Hedi Lang-Gehri, Martha Ribi-Raschle, Josi Meier, Elisabeth Blunschy-Steiner, Lilian Uchtenhagen, Liselotte Spreng, Hanny Thalmann, Gabrielle Nanchen, Tilo Frey, Nelly Wicky und Hanna Sahlfeld-Singer.
Les femmes n'ont pas été les égales des hommes pendant longtemps. Il n'était pas évident pour elles d'avoir les mêmes droits. Mais le 29 novembre 1971, ces onze femmes ont été les premières à pouvoir prendre place et voter au Conseil national après l'introduction du suffrage féminin. Ce faisant, elles ont donné un visage à cette nouvelle égalité. Mais leurs visages sont aussi ceux de la longue injustice qui a été infligée aux femmes dans notre pays. Elles sont les premières voix de la démocratie suisse. Car comment un pays peut-il prétendre être une démocratie lorsque la moitié de sa population est exclue de la participation politique? C'est pourtant ce qu'a fait la Suisse pendant des décennies. Ces premières femmes entrées au Parlement ont annoncé[NB]une[NB]nouvelle[NB]ère.[NB]Elles[NB]sont les mères d'une nouvelle évidence.
Sie sind die Gesichter einer Demokratie des tatsächlichen Miteinanders, einer Demokratie, welche die Vielfalt in der Einheit zu leben nicht nur zum Ziel hat, sondern den Worten auch Taten folgen lässt. Sie sind Teil eines politischen Systems, das auf Vereinbarkeit baut, und die Herausforderung der Vereinbarkeit soll und wird mein Präsidialjahr begleiten. Denn diese begleitet mich seit meinem ersten Tag hier im Parlament.
Ich kenne es nicht anders, als Vereinbarkeitsprobleme zu haben und diese so gut wie möglich zu lösen. Mein Sohn und mein Nationalratsmandat sind miteinander verbunden. Am Tag, an welchem ich erfuhr, dass ich schwanger bin, habe ich auch erfahren, dass ich in den Nationalrat nachrücken werde, am selben Samstagmorgen. Das war dann nicht immer nur einfach, denn die beiden Rollen passen nicht immer gut zusammen, und das hat in der ganzen Schweiz zu reden gegeben: die junge Parlamentarierin, die ihren Sohn einfach ins Parlament mitnimmt, die stillt, die wickelt und politisiert. Jeder und jede hatte offenbar eine Meinung dazu. Dabei habe ich eigentlich nur gemacht, was jede junge Mutter macht. Aber statt über die fehlende Vereinbarkeit von Politik und Familie zu reden, was dringend nötig gewesen wäre, habe ich viele Tipps bekommen, was ich hätte besser machen können, und man sagte mir, was ich alles falsch mache. Eines[NB]weiss[NB]ich[NB]heute: Ich würde es wieder genau gleich machen.
Und wir sollten darüber reden, was wir besser machen können. Denn so stolz wir darauf sind, Milizparlamentarierinnen und Milizparlamentarier zu sein, so sehr wissen wir alle darum, dass viele von uns den Spagat zwischen Berufsleben und Politik nur noch bedingt leben, manche, weil sie sich dafür entscheiden, viele aber auch, weil sie den Spagat nicht mehr schaffen, geschweige denn den Dreiklang der Vereinbarkeit von Politik, Beruf und Familie.
Wenn uns das Milizsystem so wichtig ist, wie wir in unserer grossen Mehrheit - zu der ich mich zähle - immer wieder betonen, dann sind wir in der Pflicht, die Vereinbarkeit zu stärken. So wie wir an den Schalthebeln der Macht auch gefordert sind, mehr Vereinbarkeitsstrukturen zu schaffen, damit Eltern nicht wegen der Unvereinbarkeit den Job an den Nagel hängen, wegen zu teurer Drittbetreuungskosten teilweise aus ihrer Erwerbstätigkeit aussteigen oder ungewollt in Rollenmuster fallen, die sie nicht gewählt haben, denn mangelnde Vereinbarkeit ist nicht nur für die Betroffenen ein täglich spürbarer Mangel, sondern sie schlägt sich ebenso deutlich im Fachkräftemangel nieder.
Zum andern meine ich mit "Vereinbarkeit" aber auch die Vereinbarkeit verschiedener Meinungen. Wir haben eine politische Kultur der Einbindung möglichst aller Meinungen. Wir sind ein Land von Minderheiten, eine Willensnation, eine "Vereinbarkeitsdemokratie". Trotzdem komme ich zum Schluss, dass wir die Vereinbarkeit verschiedener politischer Meinungen und Positionen nicht immer so gut hinbekommen, wie wir das eigentlich sollten. Diese Vereinbarkeit würde nämlich bedeuten, dass wir Lösungen und Kompromisse ausarbeiten, welche die dringenden Probleme unserer Zeit lösen und vor dem Volk Bestand haben. Egal, wie wir uns positionieren, ich weiss, dass wir alle nur das Beste für unser Land wollen. Zeigen wir es, und schaffen wir Kompromisse, die Zukunft haben. Sowohl die globale Klimakrise wie auch unsere Beziehungskrise mit[NB]der[NB]EU[NB]erfordern Lösungen: Lösungen, die Bestand haben; Lösungen,[NB]die[NB]uns[NB]und[NB]unseren[NB]Kindern[NB]eine Zukunft sichern.
Auch die leider immer noch und wieder sehr aktuelle Corona-Krise erfordert Lösungen: Lösungen, die wir miteinander [PAGE 2160] tragen, egal, wie gut sie uns persönlich gefallen; Lösungen, bei denen wir aushalten müssen, dass sie vielleicht morgen schon keinen Bestand mehr haben, weil das Virus schneller ist als unser System und unsere Beschlussfassung; Lösungen, die von uns verlangen, dass wir, dass unser Land zusammensteht.
Mi rallegro, cari colleghe e colleghi, che contribuiate a promuovere la conciliabilità di diverse prospettive e realtà di vita. Perché tutti insieme rappresentiamo la molteplicità del nostro paese. Sono convinta e confido che condividete con me la volontà che sta alla base della nostra Costituzione federale di vivere la molteplicità nell'unità, nella considerazione e nel rispetto reciproci.
Dass die gelebte Vereinbarkeit von verschiedenen Lebensrealitäten und politischen Meinungen sehr bereichernd ist, durfte ich im letzten Jahr mit meinem Vorgänger im Amt und meinem Nachfolger im Amt erleben. Unsere politischen Überzeugungen könnten nicht weiter auseinanderliegen, und doch haben wir uns stets über das Verbindende definiert und nicht über das, was uns politisch trennt.
Liebe Res, ich wörd met der jederziit Chüeh stähle - ond ich wörd's au mache. Nor hesch du scho en ganze Stall voll ond drom wohl kei Bedarf. Ond ich gseh d'Chüeh vo mim Nochber direkt is mim Schlofzimmerfenschter, was för en Ned-Büürin denn doch nöch gnueg esch. Aber du weisch: Es esch mer en riise Ehr gsi, a dinere Siite dörfe eusem Land z'diene. Ond wenn du jetzt denn weder vo dim Platz im Halbrund uus chasch för dini politische Überzüügige kämpfe, denn wärde mer Differenze ha, ond die Differenze müend mer au ha. Aber ich weiss, dass ich bi alle politische Differenze en[NB]Frönd[NB]förs[NB]Läbe gfunde han. Liebe Res, du wirsch immer "min Präsident" bliibe, und ich hätt mir kein bessere chönne wünsche.
Char Martin, quai vala er per tai. Magari in pau main quai cun las vatgas. Ma independent sche nus essan politicamain datiers u lunsch davent - quai dependa sche tia Allianza dal Center è plitgunsch in'allianza da center-sanestra u da center-dretga - ma independent da quai poss jau adina ma fidar da tai. Er cur che nus avain opiniuns differentas. Jau ma legrel fitg da ta savair sper mai anc in onn.
Nun zu euch, meine liebe grüne Fraktion: Dank unserer Stärke unter der Bundeshauskuppel steht uns gemäss aktuellen Turnusvereinbarungen dieses Amt zum ersten Mal aus eigener Kraft zu. Das macht mich stolz. Jeder Einzelnen und jedem Einzelnen von euch verdanke ich diesen Sitz. Natürlich wisst ihr es: Ihr seid meine politische Familie hier in diesem Halbrund. Ihr seid mein Kompass, wenn ich doch mal hier auf diesem hohen Stuhl abstimmen darf. Ich danke euch für das Vertrauen, das ihr zeigt, indem ihr mit[NB]mir[NB]die[NB]amtsjüngste[NB]Nationalratspräsidentin aller Zeiten stellt.
Bevor ich hier meine Rede beschliesse, möchte ich mich noch von Herzen beim Duo Cassata bedanken, bei Barbara Kunz und Clemens Diesbergen. Sie sind nicht nur hier, weil sie wundervolle Musik machen, sondern auch und vor allem wegen der Geigerin Barbara.
Ich kenne sie seit dem Kindergarten. Als wir dazumal in die erste Klasse kamen und ich am ersten Schultag zum ersten Mal auf eine grosse Bühne gerufen wurde, war Barbara an meiner Seite und ich an ihrer. Heute musste ich den Bock zwar alleine besteigen, umso dankbarer bin ich aber, dass sie heute auch da ist. Denn man muss wissen, woher man kommt, damit man weiss, wohin man geht. Ich freue mich sehr, nun als eure Nationalratspräsidentin ein Stück[NB]des[NB]Weges mit euch gehen zu dürfen. (Stehende Ovation)
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