Roth Franziska · Nationalrat · 2021-12-13
Roth Franziska · Nationalrat · Solothurn · Sozialdemokratische Fraktion · 2021-12-13
Wortprotokoll
Menschen begegnen sich auf der Strasse, im Quartierladen, in der Beiz oder eben auch auf Social Media. Die meist zuerst gestellte Frage "Wie geht es dir?" ist einer anderen Frage gewichen: "Bist du geimpft, oder bist du nicht geimpft?" Wie es einem geht, wie man sich fühlt oder was man braucht, das scheint heute nur selten jemanden zu interessieren. Erwachsene ziehen vielmehr mit Zynismus über Andersdenkende her und wenden häufig und unreflektiert verbale Gewalt an. Kinder und Jugendliche lesen und hören mit, fühlen sich orientierungslos und leiden zunehmend unter den unsachlichen Diskussionen. Gerade Kinder bräuchten eigentlich Harmonie. Sie leiden extrem an inner- und ausserfamiliären Konflikten.
Kinder und junge Erwachsene sind, über alle Altersgruppen betrachtet, von den Folgen der Corona-Krise psychisch am meisten belastet. Um es ganz deutlich zu sagen: In der Psychiatrie wird seit Monaten triagiert. Eine Berufskollegin [PAGE 2549] berichtete mir von einem Schulkind, das in eine onkologische Rehabilitation überwiesen wurde, weil es keinen Platz in der Psychiatrie fand, und eine andere berichtete mir vom Suizid eines Primarschulkindes.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, eine Studie des Büros für arbeits- und sozialpolitische Studien hat schon vor der Pandemie gezeigt, dass es in der Schweiz bezüglich Vorsorge einen deutlichen Mangel gibt. Kinder- und jugendpsychiatrische Institutionen können ihren Auftrag innerhalb der etablierten Finanzierungsmodelle nicht kostendeckend erfüllen. Die Folgen sind ungenügende Personalschlüssel und unzumutbar lange Wartelisten und Wartezeiten in den Ambulatorien. Es fehlen teilstationäre Angebote, und die Folge sind überfüllte Kliniken. Sehr wirksame und Familien direkt unterstützende Angebote wie Home Treatment oder Tageskliniken gibt es nur in wenigen Kantonen und wenn, dann auch nur für wenige Kinder und Jugendliche. Der Grund für diesen Missstand ist offensichtlich: Weil teilstationäre Plätze ambulant abgerechnet werden, sind sie ein Verlustgeschäft.
Auch wenn der Bundesrat in seiner Stellungnahme schreibt, dass er im Rahmen seiner Zuständigkeit dazu beitrage, diese Herausforderung anzugehen, so liegt auf der Hand: Das reicht nicht. Die Kinder- und Jugendpsychiatrien in der Schweiz können mitten in der Pandemie keine Entwarnung geben. Die Anzahl Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen hat im Vergleich zum ersten Pandemiejahr noch einmal zugenommen, im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie sogar eklatant.
Nun verlangen Fachleute, es brauche mehr Sensibilisierung und Geld, um die Probleme konkret anzugehen. Dazu gehören Investitionen in Prävention, Gesundheitsförderung und Früherkennung, aber eben auch in die Behandlungsangebote. Eine Sensibilisierungskampagne auf den Social Media löst das basale Versorgungsproblem nur sehr unzureichend.
Für die betroffenen Kinder und Jugendlichen und ihr Umfeld ist es unerheblich, ob der Bund oder die Kantone für die Versorgung zuständig sind. Wichtig ist es, dass bestehende Behandlungslücken zeitnah und adäquat geschlossen werden können. Mit dem Postulat beantrage ich, dass in einem Bericht konkrete Lösungen vorgeschlagen werden, unabhängig davon, ob der Bund oder die Kantone zuständig sind. Die Schaffung niederschwelliger ambulanter Behandlungsmöglichkeiten trägt zu einem effizienten Mitteleinsatz und schlussendlich auch zu tieferen Kosten für uns alle bei. Wir Politikerinnen und Politiker dürfen nicht nur bei Medienanfragen zu diesem Thema unsere Betroffenheit ausdrücken, wir müssen auch handeln!
Ich bitte Sie, das Postulat zu unterstützen.