Feri Yvonne · Nationalrat · 2022-02-28
Feri Yvonne · Nationalrat · Aargau · Sozialdemokratische Fraktion · 2022-02-28
Wortprotokoll
Wir setzen uns nun mit einer Problematik auseinander, die mir wirklich Sorge bereitet: mit der zunehmenden Kurzsichtigkeit bei Kindern. Die Stellungnahme des Bundesrates zu meinem Postulat konnte mir meine Sorgen nicht nehmen. Ich bin deshalb sehr froh, dass wir uns heute einen Moment Zeit nehmen, um über dieses ernsthafte Problem der Volksgesundheit zu diskutieren. Natürlich hoffe ich, dass wir heute mit der Annahme des Postulates die gezielte Bekämpfung von Kurzsichtigkeit bei Kindern in der Schweiz beschliessen.
Die Wissenschaft schlägt Alarm, weil die Kurzsichtigkeit bei Kindern, über lange Zeiträume betrachtet, zunimmt. Wissenschafterinnen und Wissenschafter befürchten, dass im Jahr 2050 die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein wird. Sie können nun entgegnen, dass Kurzsichtigkeit dank Brillen und Kontaktlinsen kein Problem sei, und dabei auf ihre eigene Kurzsichtigkeit verweisen. So einfach ist es leider nicht. Je früher die Kurzsichtigkeit auftritt, desto grösser ist die Gefahr einer starken Kurzsichtigkeit, die das Sehvermögen ernsthaft bedroht.
Kurzsichtigkeit entsteht, wenn der Augapfel zu sehr in die Länge wächst, vor allem zwischen dem 6. und 18. Lebensjahr. Bei einem starken Längenwachstum des Augapfels wird das Sehorgan dünnwandiger und dadurch anfälliger für gravierende Schäden bis hin zur Erblindung. Es gibt gemäss wissenschaftlichen Erkenntnissen zwei Hauptgründe für ein solch übermässiges Wachstum des Augapfels in der Kindheit: Mangel an Tageslicht und intensive Nahsichttätigkeit. Sie fragen sich vielleicht, wieso Tageslicht fürs Auge besser ist. Das ist einfach zu beantworten: Tageslicht ist deutlich intensiver und heller, dadurch wird das Längenwachstum des Augapfels im Kindesalter gehemmt.
Vielleicht sind Sie während der Corona-Krise auf Medienberichte zu Kurzsichtigkeit bei Kindern gestossen. Die Problematik der zunehmenden Kurzsichtigkeit bei Kindern wurde nämlich während der Covid-19-Krise von den Medien aufgegriffen, da Lockdowns und Homeschooling dazu führten, dass Kinder noch weniger Zeit draussen und noch mehr Zeit vor Bildschirmen verbrachten. Die Kurzsichtigkeit ist aber kein Corona-Problem, es gab sie bereits vorher, und sie wird mit dem Abnehmen der Pandemie auch nicht verschwinden.
Die gute Nachricht ist, dass es evidenzbasierte Erkenntnisse dazu gibt, wie der Kurzsichtigkeit bei Kindern wirksam begegnet werden kann. Wenn Kinder täglich draussen spielen, am besten zwei Stunden, reduziert sich ihr Risiko, kurzsichtig zu werden, bereits massiv. Es gilt nun herauszufinden, welche Rahmenbedingungen wie verändert werden müssen, damit Kinder auch tatsächlich wieder mehr Zeit draussen verbringen können. Regelmässige Schulpausen im Freien, Schulunterricht draussen, ein späterer Schulbeginn und gezielte Förderung von Spielplätzen sind mögliche Massnahmen. Auch gute Lichtverhältnisse in Schulzimmern sind wichtig.
Ein Modell für eine gute Prävention von Kurzsichtigkeit bietet Norwegen, denn in Norwegen gibt es gemäss einer Studie aus dem Jahr 2018 sehr wenig Kurzsichtigkeit bei Kindern.
Noch fehlt bei vielen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern das Bewusstsein für die grosse Bedeutung von Tageslicht für junge Organismen. Die Problematik der Kurzsichtigkeit kann nicht en passant mit Massnahmen für mehr Bewegung und für einen verbesserten Medienschutz beseitigt werden. Nein, es braucht gezielte Massnahmen; davon bin ich überzeugt. Wie soll unter anderem die Nationale Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten eine Lösung für ein so gewichtiges Problem wie die Kurzsichtigkeit bieten, wenn diese in der Strategie nicht oder kaum erwähnt wird?
Ich hoffe, ich habe Sie mit meiner kurzen Auslegeordnung davon überzeugt, dass ein grosser Handlungsbedarf bezüglich Kurzsichtigkeit bei Kindern besteht und dass die Schweiz noch viel zu wenig gegen Kurzsichtigkeit bei Kindern tut. Mit der Annahme meines Postulates können wir heute gemeinsam etwas für gesunde Augen bei Kindern tun.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Ja zu meinem Vorstoss.