Graf-Litscher Edith · Nationalrat · 2022-06-01
Graf-Litscher Edith · Nationalrat · Thurgau · Sozialdemokratische Fraktion · 2022-06-01
Wortprotokoll
Zuerst lege ich meine Interessenbindung offen: Ich bin Präsidentin des Dachverbandes Komplementärmedizin (Dakomed).
Sozialwissenschaftliche Befragungen zeigen, dass viele Menschen ihre Resilienz mit komplementärmedizinischen Massnahmen unterstützen und damit gute Erfahrungen machen. Wiederholt stelle ich jedoch fest, dass der Bundesrat, die Behörden und nationale Gremien den Nutzen komplementärmedizinischer Leistungen unterschätzen, teilweise weil die Evidenzlage zu wenig bekannt ist, teilweise weil ideologische Vorbehalte bestehen.
Meine Feststellung belege ich gerne nicht nur mit schönen Worten, sondern mit wissenschaftlichen Studien am Beispiel der Supplementierung mit Vitamin D in der Behandlung von Covid-19-Erkrankungen. In einer Metaanalyse vom Januar 2022 zeigt sich, dass sich eine Vitamin-D-Gabe bei einer Covid-19-Erkrankung vorteilhaft auf den Schweregrad der [PAGE 879] Erkrankung auswirkt. Es kommt zu weniger langen Hospitalisationen und weniger Intubationen. Zudem zeigt eine aktuelle Studie vom April dieses Jahres, dass hohe Vitamindosen bei Personen mit schwerem Covid-19 eine verbesserte Immunantwort bewirken. Dem Bundesrat scheint zu wenig bewusst zu sein, dass in breiten Kreisen der Bevölkerung Mikronährstoffmängel bestehen. Gemäss dem Universitätsspital Zürich (USZ) weisen etwa 50 Prozent der gesamten Bevölkerung einen Vitamin-D-Mangel auf. Das USZ gibt auf seiner Website Einnahmeempfehlungen zur Prävention eines Vitamin-D-Mangels für verschiedene Altersgruppen ab.
Die Kernaussage in einem Review aus dem Jahre 2020 über Mikronährstoffe und deren Bedeutung für die Verringerung des Infektionsrisikos ist, dass die vorliegenden Erkenntnisse, obwohl es widersprüchliche Daten gibt, darauf hindeuten, dass eine Supplementierung mit mehreren Mikronährstoffen mit immununterstützender Funktion die Immunfunktion stärken und das Infektionsrisiko verringern kann. Die Umsetzung dieser Erkenntnisse ist für die Prävention und die Bewältigung kommender Infektionskrankheiten und Epidemien von grosser Bedeutung. Lassen wir diese Erkenntnisse nicht brachliegen.
Tatsache ist, dass Komplementärmedizinerinnen und Komplementärmediziner viele chronisch Kranke und auch austherapierte Menschen behandeln. Der Grund ist, dass den Komplementärmedizinerinnen und Komplementärmedizinern dank ihrer Weiterbildung neben den konventionellen schulmedizinischen Behandlungsmethoden weitere Methoden zur Verfügung stehen; es gilt, die Vorteile beider Systeme zu nützen. Sie erhöhen auch den Behandlungserfolg im Rahmen der integrativen Medizin. Dieser ist im Interesse aller Beteiligten: der Patientinnen und Patienten, der Behandelnden und der Kostenträgerinnen und Kostenträger.
Deshalb bitte ich Sie, die Motion 20.3664 anzunehmen. Damit verpflichtet der Bundesrat die Verantwortlichen des Pandemieplans, diesen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Komplementärmedizin zur Salutogenese und zur Stärkung der Resilienz zu ergänzen und Mittel für die entsprechende wissenschaftliche Forschung z. B. im Rahmen eines Nationalfondsprojekts zu sprechen.