Hefti Thomas · Ständerat · 2022-09-12
Hefti Thomas · Ständerat · Glarus · FDP-Liberale Fraktion · 2022-09-12
Wortprotokoll
Leider müssen wir die Session mit einem Nachruf beginnen. Wir gedenken heute der ehemaligen Nationalratspräsidentin Judith Stamm, die am 20. Juli im Alter von 88 Jahren verstorben ist. Judith Stamm wurde 1983 auf der Liste der CVP des Kantons Luzern in den Nationalrat gewählt, dem sie bis 1999 angehörte.
Die gebürtige Schaffhauserin wuchs in Zürich auf. Sie interessierte sich früh für politische Themen. Schon 1952 setzte sie sich als Maturandin für das Frauenstimmrecht ein. Sie entschied sich für das Studium der Rechte, unter anderem weil sie anderen Menschen helfen wollte, zu ihrem Recht zu kommen. Danach arbeitete sie am Bezirksgericht in Uster und wäre gerne Gerichtsschreiberin geworden. Dies war jedoch damals nicht möglich, da sie als Frau nicht gewählt werden konnte. Sie wechselte darauf zur Kriminalpolizei Luzern und wurde 1976 die erste Polizeioffizierin der Schweiz. Später wirkte sie als Jugendanwältin und Richterin. Aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit hatte sie Einblick in Schicksale von Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens standen.
Gleich nach Einführung des Frauenstimmrechts stieg Judith Stamm aktiv in die Politik ein. Sie wurde 1971, zusammen mit der späteren Ständeratspräsidentin Josi Meier, als eine der ersten Frauen in den Luzerner Grossen Rat gewählt. Zwölf Jahre später gelang ihr die Wahl in den Nationalrat. Hier arbeitete sie in vielen der damals üblichen Ad-hoc-Kommissionen sowie in der Kommission für Wirtschaft und Abgaben, der Aussenpolitischen Kommission, der Kommission für Rechtsfragen und der Staatspolitischen Kommission mit.
Ihre Anliegen, namentlich auch die Rechte der Frauen, vertrat sie beherzt und unerschrocken, geradlinig und mit einer Prise Humor. Wenn sie von einer Sache überzeugt war, hatte sie den Mut, hinzustehen und ihre Meinung auch gegen widrige Umstände selbstbewusst und kompetent zu vertreten. Exemplarisch für diese Haltung war ihre Kandidatur bei den Bundesratswahlen 1986. Sie ärgerte sich, dass die CVP für eine Doppelvakanz keine weibliche Kandidatin vorgeschlagen hatte, und stieg deshalb selber ins Rennen. Sie erzielte mit 49 Stimmen einen Achtungserfolg und setzte damit ein ermutigendes Zeichen für die Frauen.
Sie war ein Vorbild und eine Wegbereiterin für die Sache der Frauen. Hartnäckig und erfolgreich setzte sie sich für mehr Gleichberechtigung ein. Sie half ihren jüngeren Kolleginnen mit wertvollen Tipps und Unterstützung und sorgte für eine Vernetzung der Parlamentarierinnen. 1986 verlangte sie mit einem Vorstoss, dass zur Umsetzung des Verfassungsartikels über die Gleichstellung von Mann und Frau eine Bundesstelle eingerichtet werde. Dies führte zwei Jahre später zur Schaffung des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann. 1989 wählte sie der Bundesrat zur Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen.
Im November 1996 wählte sie der Nationalrat mit einem Glanzresultat zu seiner Präsidentin. Sie leitete die Ratsdebatten ruhig und souverän und vertrat das Parlament auch würdig gegen aussen - dies in einem Jahr, das insbesondere durch die Auseinandersetzungen um die nachrichtenlosen Vermögen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges geprägt war. Vor dem Zionistenkongress in Basel hielt sie als Vertreterin der Schweizer Behörden eine viel beachtete Rede.
1999 trat Judith Stamm als Nationalrätin zurück. Auch als Pensionärin pflegte sie weiterhin politische Kontakte, engagierte sich als Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft und freute sich über den steigenden Frauenanteil in Parlament und Bundesrat.
Wir werden Judith Stamm als hochgeachtete, couragierte und liebenswürdige Frau und Politikerin in Erinnerung behalten. Im Namen der Bundesversammlung möchte ich ihrer Familie mein herzliches Beileid aussprechen.
Ich bitte Sie und die Besucher auf der Tribüne, sich zu erheben und der Verstorbenen in einem Moment des Schweigens zu gedenken.[GZ]
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Der Rat erhebt sich zu Ehren der Verstorbenen [GZ]
L'assistance se lève pour honorer la mémoire de la défunte [PAGE 638]