Rieder Beat · Ständerat · 2022-09-29
Rieder Beat · Ständerat · Wallis · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP. · 2022-09-29
Wortprotokoll
Kollege Schmid hat bereits in einem Walser Dialekt gesprochen, deshalb erspare ich Ihnen nun den Lötschentaler Dialekt.
Ich muss Ihnen sagen, dass die Wolfsdebatten in diesem Rat eigentlich immer die spannendsten Debatten sind. Folglich steige ich sehr gerne in diese Diskussion ein. Aufgrund der Vergangenheit muss ich immer neue Facts suchen, und diese liefert der Wolf eigentlich immer wieder von Neuem, und zwar punktgenau nach Plan.
Den Experten zufolge vermehrt sich der Wolf in der Schweiz. Was ein "seriöser" Schaden ist, weiss ich nicht, Frau Thorens Goumaz. Ich lade Sie aber gerne dazu ein, zusammen mit mir einen Schadensplatz im Wallis zu besuchen und sich dort den Schaden anzuschauen. 2021 wurden bei uns 800 Schafe, 46 Ziegen, 20 Kühe und Rinder sowie 3 Pferde gerissen, in diesem Jahr werden es wiederum mehr sein.
Was mir mehr zu denken gibt, ist der internationale Aspekt, den wir in der Schweiz oftmals ausser Acht lassen. Auf 40[NB]000 Quadratkilometern haben wir in der Schweiz derzeit 180 bis 200 Wölfe in 12 bis 13 Rudeln. Wir sind zudem ein dicht besiedeltes Land, und wir haben die[NB]Berglandwirtschaft sowie die Landwirtschaft im Mittelland. Dann gibt es andere Länder, wie z. B. Norwegen und Schweden mit einer Fläche von 840[NB]000 Quadratkilometern. Auf diesem Gebiet haben die norwegische und die schwedische Regierung - beide übrigens angeführt von Frauen - unter der Federführung von Norwegens Regierungschefin Erna Solberg entschieden, dass sie eine aktive Regulierung der Wolfspopulation vornehmen. Sie haben gesagt, für beide Länder würden 300 Wölfe reichen, und sie haben in den vergangenen Jahren Abschussquoten, also eine proaktive Regulierung, erlassen. Für Norwegen waren das zuletzt 51 Wölfe.
Wir muten unserer Bevölkerung zu, dass wir in zwei Jahren auf 5 Prozent dieser Fläche mehr Wölfe haben als Norwegen und Schweden. Spätestens dann, in zwei bis drei Jahren, wird das Problem komplett aus dem Ruder laufen, und die Leute werden kein Verständnis mehr haben. Ich sage es hier gerne noch einmal: Die besten Wolfsgebiete sind im Mittelland, im Jura und vielleicht auch in Kantonen, die heute noch keine Ahnung haben, was das bedeutet. In einigen Kantonen wird es die Situation geben, dass man in den Zoo geht, dort [PAGE 1033] Rudel Mongolischer Wölfe im Gehege anschaut, und gleichzeitig hat man im gleichen Kanton freilebende Wolfsrudel. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Wir kommen jetzt mit einem Vorstoss, damit nicht irgendwelche Bauern wie in Frankreich - mit eigenen Waffen übrigens - oder Wilderer wie in Italien die Wölfe abknallen und vergiften. Wir wollen, dass das BAFU mit den Kantonen die Regulierung proaktiv anschaut und die Wolfspopulation plafoniert.
In Artikel 7a Absatz 1 haben wir noch einen Zusatz gemacht: Es ist eine Kann-Formulierung, eine föderalistische Kann-Formulierung. Die Kantone können, sie müssen aber nicht. Das heisst, es kann Kantone geben - vielleicht der Kanton Thurgau, vielleicht der Kanton Zürich -, die sagen: Bei uns ist der Wolf willkommen, wir wollen diese Wolfsrudel haben, wir regulieren sie nicht. Dann passiert auf diesen Kantonsgebieten nichts.
Dann gibt es Kantone, die zu viele Wölfe haben und die Bestände regulieren müssen. Dass man sich dagegen wehrt, verstehe ich auch von der logischen Seite her nicht - ausser, Sie wollen den Weltrekord brechen, wie viele Wölfe Sie auf wie vielen Quadratkilometern haben. Wir sind bereits jetzt relativ hoch drin in der Schweiz, wir werden in zwei Jahren das Maximum erreichen. Das geschieht alles auf dem Buckel der Berglandwirtschaft - bis jetzt - und der voralpinen Landwirtschaft, aber in zwei bis vier Jahren wird das überall geschehen. Dann wird sich auch die Präsidentin der UREK-S im Kanton Jura mit diesem Problem befassen müssen; sie hat die schönsten Tiere, die es gibt - Schwarznasenschafe. Sie werden nicht darum herumkommen, diese Fragen in zwei bis drei Jahren zu beantworten.
Der Vorschlag, der jetzt auf dem Tisch liegt, könnte föderalistischer nicht sein. Er ist gemässigt im Vergleich zu anderen Ländern. Was ein seriöser Schaden ist, ein "serious damage", das weiss ich auch nicht, das ist graduell. Wenn Sie mit den betroffenen Bäuerinnen und Bauern reden, dann reden die von seriösen Schäden; dann sind sie auch betroffen, und dann reagieren sie auch sehr heftig. Wenn Sie natürlich in einem Stadtpark vor dem Gehege eines Wolfsrudels stehen, dann schaut der seriöse Schaden vielleicht anders aus, denn dort wird verfüttert.
Ich glaube, dass diese Vorlage auch nicht extrem ist, wie es gesagt wird. Sie ist der kleinstmögliche Nenner, auf dem wir unsere Wolfspopulation am Leben erhalten können. Die Vorlage garantiert nämlich den Bestand des Wolfes ausdrücklich, und wir wissen vom BAFU und von den Kantonen, wie viele Wölfe es ungefähr braucht, damit sie überlebensfähig sind.
Unter diesen Voraussetzungen bitte ich Sie, dieser Vorlage zuzustimmen und den Kantonen eine Möglichkeit zu geben, das Problem in einigermassen geordneten Bahnen zu lösen.