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Wyss Ursula · Nationalrat · 2003-03-10

Wyss Ursula · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2003-03-10

Wortprotokoll

Ich denke bei meiner Parlamentarischen Initiative "Sechs Wochen Ferien für Lehrlinge und junge Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen" in keiner Art und Weise nur an die Lehrlinge und an ihr Wohl, sondern vor allem auch an die Lehrbetriebe. Eine gute, attraktive und moderne Lehrlingsausbildung ist eine Investition in die Zukunft der Betriebe und in diejenige des ganzen Schweizer Werkplatzes. Lehrlinge mit Motivation und Energie bringen ihrem Betrieb nämlich mehr; sie sind ganz generell produktiver.

Denn heute sind die Lehrlinge durch alle Anforderungen, die an sie gerichtet werden, mehr denn je an ihren Grenzen angekommen. Die Zahlen, die wir haben, sagen genug aus: Heute bricht jeder fünfte Lehrling seine Lehre ab. Als einer der wichtigsten Gründe für einen Abbruch wird genannt, dass sie überfordert sind, überfordert am Arbeitsplatz und in [PAGE 182] der Berufsschule. Dies einerseits wegen des Übergangs von der normalen obligatorischen Schule mit 13 Wochen Ferien ins Berufsleben, wo sie praktisch von einem Tag auf den anderen nur noch 5 Wochen haben; andererseits besteht heute aber auch ein krasser Unterschied zwischen der Berufslehre und den Gymnasien, wo weiterhin 12, 13 Wochen Ferien bestehen. Aber vor allem haben wir in den letzten Jahren im Berufsbildungssystem immer grössere Anforderungen an die Lehrlinge gestellt. Die Berufsmatur ist eine wichtige Ergänzung zur Lehre geworden. Die Lehrlinge haben immer mehr zu leisten, aber gleichzeitig haben sie nicht mehr Zeit erhalten, um diesen Anforderungen nachzukommen.

Dass zwischen Anforderungen und zur Verfügung gestellter Zeit eine grosse Diskrepanz besteht, haben mittlerweile zahlreiche Unternehmen bemerkt und gewähren ihren Lehrlingen darum über die gesetzlichen 5 Wochen hinaus zusätzliche Freizeit. Alle Betriebe, mit denen ich Kontakt hatte, bestätigen, dass sie durchwegs positive Erfahrungen mit der sechsten Ferienwoche machen, und alle widersprechen vehement dem Gegenargument, dass es zu teuer wäre, den Lehrlingen mehr freie Zeit zu gewähren.

Aber es sind immer noch zu wenig Betriebe, die dies erkannt haben. Es sind knappe 20 Prozent der Lehrlinge, die heute sechs Wochen Ferien und mehr haben, oder in absoluten Zahlen: Von den 161 000 Lehrlingen, die es gibt, kennen nach wie vor 132 000 nur fünf Wochen Ferien.

Es gibt aber auch zahlreiche Verträge in Branchen, die seit längerer Zeit mehr als diese fünf Wochen Ferien kennen. Aber leider sind - und da haben wir das ähnliche Problem wie bei den älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern - GAV, Gesamtarbeitsverträge, und Branchenregelungen nicht überall möglich. Gerade in zahlreichen Dienstleistungs- und in neuen Branchen gibt es keine solchen Verträge oder Regelungen.

Von einer gesetzlichen Regelung profitieren darum vor allem auch die KMU, die kleineren und mittleren Unternehmen, denn für die Lehrstellenwahl sind es zum Teil genau diese weichen Faktoren der Lehrstellengestaltung, die entscheidend sind. Die Unternehmen nämlich, die die besseren Bedingungen anbieten, können sich auch die besseren Lehrlinge aussuchen.

Darum sagen Sie im Interesse der Lehrlinge, aber auch der Unternehmen und des Werkplatzes Schweiz bitte Ja zu dieser Parlamentarischen Initiative.