Atici Mustafa · Nationalrat · 2023-09-13
Atici Mustafa · Nationalrat · Basel-Stadt · Sozialdemokratische Fraktion · 2023-09-13
Wortprotokoll
Bei meinem Postulat geht es darum, abzuklären, wie das Angebot für Geringqualifizierte ausgeweitet werden kann. Mit den bestehenden Instrumenten ist es namentlich für wenig qualifizierte Erwachsene, aber auch für Jugendliche in einer erschwerten Lage sehr schwierig, etwas zu erreichen. Der Bundesrat bestätigt in seiner Stellungnahme zu meinem Postulat, dass das Ausmass der Herausforderungen gross ist. Wie der Bildungsbericht 2023 auf Seite 139 hervorhebt, "führen auch der technologische und der wirtschaftliche Strukturwandel dazu, dass Geringqualifizierte auf dem Schweizer Arbeitsmarkt mehr Mühe bekunden, sich überhaupt in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Somit ist ein nachträglicher Abschluss auf der Sekundarstufe II auch auf individueller Ebene deutlich wichtiger geworden."
Aus meiner Sicht genügt es deshalb nicht, wenn der Bundesrat in seiner Stellungnahme allein auf die bestehenden Instrumente hinweist. Diese genügen offensichtlich nicht, um das enorme Ausmass an beruflicher Ausbildungslosigkeit spürbar zu vermindern. Bereits vor zehn Jahren schätzte eine Studie die gesamtgesellschaftlichen Kosten von Ausbildungslosigkeit auf rund 10[NB]000 Franken pro Jahr und Person infolge [PAGE 1566] entgangener Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge sowie zusätzlich anfallender Sozialausgaben. Im Vergleich dazu wäre ein breiteres Angebot von Qualifizierungsmöglichkeiten kostengünstig.
Für Erwachsene ohne Sek-II-Abschluss sind die Hürden für eine nachholende Grundausbildung in Form einer zweijährigen EBA- oder gar einer drei- bis vierjährigen EFZ-Ausbildung oft einfach zu hoch. Deutschland und Österreich, die wie die Schweiz ein ausgebautes und erfolgreiches duales Berufsbildungssystem haben, haben das längst erkannt. Sie ermöglichen deshalb den kumulativen Abschluss einzelner Ausbildungsmodule in Form von anerkannten Teilqualifizierungen. Wie etwa das Kölner Modell zeigt, werden damit zusätzliche Ausbildungswillige erreicht, die bisher durch die Maschen gefallen sind.
Die in der Schweiz bestehende Möglichkeit der Aufteilung der Bildungsinhalte in Module sowie die Aufteilung des Qualifikationsverfahrens in Teilprüfungen im Rahmen der sogenannten anderen Qualifikationsverfahren mit aufgeteilter Prüfung weisen in die richtige Richtung. Das müsste aber evaluiert und weiterentwickelt werden. Der angeforderte Postulatsbericht wäre dafür ein geeignetes Instrument. Unser Berufsbildungssystem und unser Weiterbildungssystem sind stark für die Starken. Wir müssen uns aber endlich der Tatsache stellen, dass sie schwierig sind für jene, die leider nicht der Norm entsprechen.
Ich ersuche Sie aus all diesen Gründen, meinem Postulat zuzustimmen und so zur Bekämpfung der Ausbildungslosigkeit in unserem Land und zu einer besseren Integrationsfähigkeit der Berufsbildung beizutragen.