Funiciello Tamara · Nationalrat · 2023-09-13
Funiciello Tamara · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2023-09-13
Wortprotokoll
Die Frage, die wir uns heute stellen müssen, ist: Sollen wir leben, um zu arbeiten, oder arbeiten, um zu leben? Unsere Gesellschaft wird immer produktiver. Denken wir nur daran, dass wir heute alle einen kleinen Computer in unserer Hosentasche haben, der ständig Post aushändigen kann, der dafür sorgt, dass wir dauernd erreichbar sind, und der so unsere Produktivität massiv erhöht hat. "Digitalisierung" nennen wir das - die grösste Revolution auf dem Arbeitsmarkt seit der Industrialisierung.
Vor hundert Jahren haben wir noch 90 Stunden pro Woche gearbeitet, ohne Sozialversicherungen, meist ohne Rente, zu mickrigen Löhnen. So war es eine der grossen Errungenschaften der Industrialisierung bzw. der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie, dass Arbeiterinnen und Arbeiter weniger Arbeitsstunden leisten mussten, und dies bei höheren Löhnen. Das war möglich, weil die gestiegenen Erträge verteilt wurden. Wir haben dafür gekämpft, dass alle ein Stücklein des Kuchens erhalten haben, wenn auch nicht alle das gleich grosse. Allzu fest dramatisieren müssen wir ja die Geschichte auch nicht.
Nun ist es dringend an der Zeit, wieder über die Verteilung dieses Kuchens zu reden. Ich höre schon, wie Sie schreien: Wer soll denn diese Senkung der Arbeitszeit bezahlen? Nun, die Gleichen, die sich Dividenden von über 44,2 Milliarden US-Dollar ausbezahlen, zum Beispiel. Oder wir bezahlen das, indem wir die Kosten von Burn-outs reduzieren. Diese kosten uns bei den konservativsten Schätzungen mindestens 6 Milliarden Franken im Jahr.
Die Beispiele aus dem Ausland, aber auch von hiesigen Firmen wie der Elektro Oberland GmbH, einem Zürcher KMU, zeigen, dass die Viertagewoche nicht nur machbar, sondern gut ist, gerade auch aus einer gleichstellungspolitischen Sicht. Frauen und Männer arbeiten heute gleich viele Stunden. Der Unterschied ist lediglich, dass Frauen 40 Prozent bezahlte und 60 Prozent unbezahlte Arbeit leisten. Bei Männern ist das Verhältnis genau umgekehrt. Das ist mit ein Grund dafür, dass Frauen übers Leben verteilt ganze 43 Prozent weniger Einkommen haben als Männer.
Nun einfach zu sagen, Frauen sollen mehr Erwerbsarbeit leisten bzw. Männer sollen mehr unbezahlte Arbeit leisten, ist - bei einer durchschnittlichen Arbeitslast von 68 Stunden pro Woche bei Eltern - schlicht und einfach nicht umsetzbar, nicht gesund und auch nicht Ausdruck der Gesellschaft, die wir wollen. Einzig auf Teilzeit zu setzen, um das Problem zu lösen, ist auch problematisch. Zum einen stellt sich die Frage, ob man es sich leisten kann, Teilzeit zu arbeiten. Gleichstellung sollte nämlich nicht nur Personen vorbehalten sein, die es sich leisten können. Zum andern führt eben genau die Teilzeiterwerbsarbeit von Frauen zu finanzieller Abhängigkeit. Anders formuliert: Weil Frauen unsere Kinder betreuen und [PAGE 1573] grossziehen, sind zwei Drittel der Mütter in diesem Land von ihrem Partner abhängig und im Alter arm.
Ich will keine solche Gesellschaft. Ich will eine Gesellschaft, in der alle Arbeit zählt und sich auszahlt, eine Gesellschaft, in der Arbeit nicht krank macht. Um auf die Eingangsfrage einzugehen: Die SP will eine Gesellschaft, in der wir arbeiten, um zu leben, und nicht leben, um zu arbeiten.
Stimmen Sie doch bitte der Motion zu!