Büchel Roland Rino · Nationalrat · 2023-12-22
Büchel Roland Rino · Nationalrat · St. Gallen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2023-12-22
Wortprotokoll
Raum der Stille im Bundeshaus: Ich habe den Eindruck, dass dieser Saal heute Morgen kein Raum der Stille im Bundeshaus ist.
Unser sehr geschätzter ehemaliger Kollege Rocco Cattaneo will im Bundeshaus einen Raum der Stille und des Gebets schaffen. Der ebenso geschätzte Kollege Laurent Wehrli hat die Motion soeben vertreten. Ein solcher Raum sei auch ganz im Sinne von Niklaus von der Flüe, dessen Statue in der Kuppelhalle an die Zeit erinnere, in der Gebet und Kontemplation der Schlüssel für Einheit und Versöhnung in unserem Land gewesen sei. Der Urheber erwähnt auch die ausserordentlichen und in einigen Fällen tatsächlich unglaublichen und kaum fassbaren Ereignisse im In- und Ausland. Darum habe die Hektik während der Sessionen markant zugenommen. Gesteigerter Druck und eine zunehmende Komplexität der Probleme würden uns Parlamentarier mehr und mehr belasten.
Kaum jemand im Saal wird unserem ehemaligen Kollegen Cattaneo und Kollege Wehrli, der die Motion vertritt - Sie haben es gehört -, kaum jemand im Saal wird unserem Exkollegen und unserem Kollegen widersprechen. Atempausen des Gebets und der Kontemplation können tatsächlich eine wertvolle Form des Innehaltens sein, um sich danach wieder fokussiert und gestärkt an die Arbeit zu machen. Es erstaunt nicht - das wurde von Kollege Wehrli erwähnt -, dass an Bahnhöfen, Flughäfen, Einkaufszentren, ja auch in Sportstätten Räume der Stille und des Gebets eingerichtet werden. "Warum also auch nicht dort, wo über Fragen und Projekte viel grösseren Ausmasses entschieden wird?", fragt - durchaus nachvollziehbar - Herr Cattaneo. Es gebe hier in diesem Parlamentsgebäude schliesslich auch einen Raum für Raucher und einen für stillende Mütter.
Die Verwaltungsdelegation als Hausherrin und das Büro Ihres Rates können den Wunsch nach einem Rückzugsort aus der Hektik des Sessionsbetriebs sehr wohl nachvollziehen. So wurde schon bei der Sanierung des Bundeshauses Ost in den Jahren 2012 bis 2016 dafür gesorgt, dass die beiden Ruheräume für weibliche und männliche Ratsmitglieder nicht nur erhalten blieben, sondern auch besser eingerichtet wurden. Diese beiden Ruheräume im Bundeshaus Ost können genutzt werden, ohne dass man das Haus verlassen muss. Trotzdem werden sie nur wenig besucht. Es ist aber so: Während der Sessionen steht hier im Parlamentsgebäude kein Raum zur Verfügung.
Das hat einen einfachen, praktischen Grund, Herr Wehrli hat es auch schon ein bisschen angeführt: Der Bedarf an Sitzungszimmern ist gross und übersteigt zeitweise bereits heute das verfügbare Angebot. Bei diesem Haus kann man nicht einfach hingehen, verdichtet bauen und noch ein Stockwerk hinzufügen. Das geht nicht. Ein Raum der Stille müsste deshalb ausserhalb des Parlamentsgebäudes geschaffen werden. Ob er dann seinen Zweck noch erfüllen könnte, ist infrage zu stellen. Selbst wenn ein geeigneter Raum in der Nähe des Parlamentsgebäudes gefunden werden könnte, wäre zu klären, mit welchen Auflagen die Nutzung vor dem Hintergrund des Grundsatzes der konfessionellen Neutralität des Staates zu verbinden wäre. Es müsste auch klargestellt werden, dass der Raum allen - allen! - Ratsmitgliedern offensteht, die einen Ort suchen, an dem sie sich spirituell erholen können, und zwar egal, ob sie gläubig sind oder nicht. Es wäre zum Beispiel auch zu entscheiden, ob der Raum auch dann genutzt werden darf, wenn jemand ausschliesslich für individuelle Bedürfnisse ruhen will.
Aus all diesen Überlegungen hat die Verwaltungsdelegation als Hausherrin dem Büro des Nationalrates die Ablehnung der Motion beantragt. Noch einmal: Das Büro hat sehr wohl Verständnis für das Anliegen des Motionärs, schliesst sich aber aus den erwähnten Gründen der Verwaltungsdelegation an.
Auch ich wünsche Ihnen eine geruhsame - etwas ruhigere als im Moment gelebte - Weihnachtszeit und nachher einen guten Rutsch ins neue Jahr, vielleicht doch mit etwas Kontemplation von Zeit zu Zeit, sodass Sie auch im neuen Jahr gute Entscheide für sich, für Ihre Familien und für die Leute in diesem Land treffen mögen.