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Funiciello Tamara · Nationalrat · 2024-02-28

Funiciello Tamara · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2024-02-28

Wortprotokoll

Geschätzter Herr Paganini, man kann differenziert argumentieren und muss ein Postulat nicht des Teufels finden, wenn man es kritisch begutachtet. Ich denke, dieses Postulat ist zwar gut gemeint, aber gut gemeint ist nicht immer unbedingt auch gut gemacht. Denn was passiert, wenn man Anreize schafft, um die Arbeitspensen bei Personen zu erhöhen, die keinen familiären Grund haben, um ihre Pensen zu reduzieren? Man wertet Teilzeitarbeit noch mehr ab. Sie haben das in Ihrem Votum eigentlich auch gemacht. Sie haben gesagt, das Wünschenswerte wäre eigentlich eine 100-Prozent-Anstellung. Das Wünschenswerte wäre, wenn alle zu 100 Prozent arbeiten würden.

Wenn wir sagen, das ist das, was wir uns von unserer Gesellschaft wünschen, dann müssen wir uns die Frage stellen: Wer sind denn die Personen, die dieses wünschenswerte Modell nicht erfüllen können? Das sind dann eben genau die Personen, die nicht 100 Prozent arbeiten, weil sie zum Beispiel Care-Arbeit leisten. Aber darauf kommt es am Schluss dann nicht an. Denn wenn wir sagen, eine 100-Prozent-Anstellung ist wünschenswert, dann ist die Frage nicht mehr, wieso jemand nicht 100 Prozent arbeitet, sondern dann will man eben jemanden anstellen, der 100 Prozent arbeitet.

Sie haben es erwähnt, Teilzeitarbeit war und ist ein wichtiger Treiber, um die Erwerbsquote von Frauen zu erhöhen. Teilzeitarbeit abzuwerten heisst dann eben auch, die Gleichstellung zu gefährden. Ich erinnere Sie daran, dass heute 60 Prozent der Mütter direkt von ihrem Partner abhängig sind. Wir wollen ihre Unabhängigkeit stärken. Wir wollen nicht, dass Frauen finanziell abhängig sind. Um das zu erreichen, müssen wir die Teilzeitarbeit fördern und sie eben auch aufwerten.

Weiter leben wir in einem Land, in dem die Burn-out-Rate sehr hoch ist. Burn-outs kosten uns jedes Jahr zwischen 9 und 16 Milliarden Franken. Wenn es Leute gibt, die sagen, wir arbeiten weniger Prozente, um die mentale Gesundheit zu schützen, dann sollten wir das nicht verteufeln, sondern im Gegenteil begrüssen.

Zu guter Letzt möchte ich sagen, und ich glaube, das ist sehr wichtig: Wir leben in einem Land, in dem Vereinsarbeit sehr wichtig ist. Ohne die Vereinsarbeit und die Freiwilligenarbeit, die geleistet wird, könnten unsere Vereine eigentlich nicht existieren. Das ist im Sport so, aber das ist zum Beispiel auch in der Politik so. Wenn wir jetzt sagen: "Arbeitet bitte alle 100 Prozent, aber reduziert bitte gleichzeitig eure Arbeit bei der Freiwilligenarbeit", dann haben wir schlicht und einfach ein Problem. Ich glaube, niemand hier arbeitet 100 Prozent bei einer Stelle, sondern wir alle haben entschieden, unsere Arbeitspensen zu reduzieren, um eben auch politisch aktiv zu sein.

Ich denke, wenn wir das Arbeitskräftepotenzial in diesem Land nutzen wollen, dann haben wir dafür Massnahmen. Wir kennen diese Massnahmen. Dafür brauchen wir kein Postulat. Wir könnten zum Beispiel genügend Kita-Plätze schaffen, die für alle zugänglich sind, damit die Erwerbsquote von Frauen erhöht werden könnte. Das wäre auch möglich, und ich würde sagen, wir konzentrieren uns auf[NB]solche[NB]Massnahmen,[NB]statt[NB]eben[NB]die[NB]Teilzeitarbeit zu verteufeln.

Jetzt muss ich auch sagen: Wenn dieses Postulat angenommen wird, dann wird die Welt sicher nicht untergehen. Aber ich denke, es ist wichtig, dass genau diese Argumente bereits jetzt auf den Tisch kommen und wir bereits jetzt darüber sprechen können.

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