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Aeschbacher Ruedi · Nationalrat · 2003-06-02

Aeschbacher Ruedi · Nationalrat · Zürich · Evangelische und Unabhängige Fraktion · 2003-06-02

Wortprotokoll

Ich hätte nie geglaubt, dass der Wolf während über einer Stunde Star und Hauptperson in unserem Rat sein könnte. Das Märchen, das mir meine Mutter oder mein Grossvater am Abend erzählte, dauerte jeweils nur zwei bis drei Minuten; dann wurde das Licht gelöscht. Hier brennt das Licht weiter, und das Mikrofon steht noch für weitere Rednerinnen und Redner zur Verfügung. Erstaunlich! Es ist eigentlich erstaunlich, wenn man sich überlegt, was hinter dieser scheinbar emotionalen Geschichte steht:

Die Schweiz hat die Berner Konvention von 1979 über die Erhaltung der europäischen wild lebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume unterzeichnet. Damit hat sie sich auch für einen strengen Schutz dieser Tiere und dieser Pflanzen und damit eben auch des Wolfes verpflichtet. Die Motion Maissen überweisen hiesse, dass die Schweiz aus diesem internationalen Übereinkommen austreten oder es abändern lassen müsste. Dies wäre eine Peinlichkeit ohnegleichen für ein Land, das bei jeder Gelegenheit anderen Ländern auf die Finger klopft, wenn diese gegen Natur und Umwelt verstossen. Einen solchen Austritt kann im Ernst wohl niemand wollen. Denn er würde unter anderem auch eine Lücke in dem durch das Abkommen abgedeckten Raum aufreissen und die übrigen Konventionsstaaten vor den Kopf stossen. Ganz besonders das Tourismusland Schweiz, das sich auf eine vielfältige Landschaft und eine intakte Natur stützt und sich darauf auch etwas einbildet, kann es sich doch kaum leisten, eine in Europa streng geschützte Tierart auf seinem Staatsgebiet zur Jagd freizugeben, wenn dieses Tier über die Grenze kommt.

Dazu kommt, dass - entgegen der Annahme des Motionärs - eine Ansiedelung des Wolfes in der Schweiz nicht stattgefunden hat oder geplant ist. Es sind in den letzten Jahren einzelne Tiere wieder auf natürlichem Weg aus unseren südlichen Nachbarländern in die Schweiz eingewandert. Auch die Motion Maissen wird diese Einwanderung nicht verhindern, denn sofern das Gebiet vorhanden ist, kommt der Wolf in dieses Gebiet und lebt hier: Die Motion Maissen ändert daran nichts. Es würde aber bei den Unterzeichnerstaaten der Berner Konvention, die den Schutz des Wolfes ernst nehmen und auch gute Erfolge aufzuweisen haben, kaum verstanden, wenn die Schweiz die wenigen, in diesen Staaten geschützten Wölfe einwandern und dann abschiessen liesse.

Die Motion Maissen ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund entstanden, dass Schafe auf den Alpweiden gerissen wurden. Aber es ist klar, dass mit einer entsprechenden Behirtung dieser Schafherden Abhilfe geschaffen werden kann, wie dies in der Zwischenzeit einige erfolgreiche Beispiele gezeigt haben.

Sollten dennoch Schäden durch Wildtiere ganz allgemein oder eben durch den Wolf auftreten, so ist vorgesehen, dass der Bund die entsprechenden Schäden decken kann. Das ist der Konflikt Tier-Tier. Der Konflikt Mensch-Tier besteht [PAGE 744] nicht. Es ist wahrscheinlich eben doch so, dass die Märchen, die wir in unserer Jugend gehört haben, uns so tief beeinflusst haben, dass wir auch aus dieser Sicht immer noch irgendetwas mittragen, was hier in dieser Frage zu unkontrollierten Emotionen verleiten kann.

Wir empfehlen Ihnen von der evangelischen und unabhängigen Fraktion her, die Motion Maissen abzulehnen und dafür, wie das schon ähnlich im Ständerat geschehen ist, das vernünftige Postulat der Kommission zu überweisen.