Lexipedia

Suter Gabriela · Nationalrat · 2025-12-17

Suter Gabriela · Nationalrat · Aargau · Sozialdemokratische Fraktion · 2025-12-17

Wortprotokoll

Die Schweiz hat sich klare Umweltziele gegeben: für sauberes Trinkwasser, für fruchtbare Böden, für lebendige Gewässer und für eine vielfältige Natur. Das Problem ist nicht, dass wir diese Ziele nicht kennen. Das Problem ist, dass wir sie seit Jahren nicht einhalten. Zu viel Stickstoff, zu viel Phosphor, zu viele Pestizide belasten unsere Umwelt - mit Folgen, die längst sichtbar sind. Im Aargau muss der Hallwilersee seit 40 Jahren künstlich belüftet werden. Ein Ende ist nicht in Sicht, weil täglich weiter Phosphor in die Zuflüsse eingetragen wird. In über 70 Prozent der Schweizer Bäche hat es zu wenig Kleinlebewesen, weil der Pestizidgehalt im Wasser zu hoch ist. Unsere Böden verlieren an Fruchtbarkeit und können nicht mehr alle ihre Funktionen wahrnehmen. Das sind keine abstrakten Zukunftsrisiken, das ist die Realität heute.

Die Ernährungs-Initiative spricht diese Realität offen an. Sie benennt Missstände und fordert eine nachhaltige Land- und Ernährungswirtschaft, die Umwelt, Klima und Biodiversität schützt. Diese Anliegen sind richtig. Ernährungssicherheit ist ohne gesunde Ökosysteme nicht denkbar. Wer morgen noch Lebensmittel produzieren will, muss heute die natürlichen Grundlagen schützen.

Ein zentraler Hebel dafür liegt auch in unserer Ernährung. Eine stärkere Ausrichtung auf pflanzliche Lebensmittel entlastet Böden, Gewässer und Klima. Sie reduziert den Bedarf an importierten Futtermitteln, senkt Nährstoffüberschüsse und stärkt die direkte Produktion von Nahrungsmitteln für die Bevölkerung. Dass sich immer mehr Menschen pflanzenbetonter ernähren, ist eine positive Entwicklung. Wir könnten den Selbstversorgungsgrad der Schweiz erhöhen, wenn wir im Inland weniger tierische Produktion hätten und mehr pflanzliche Ernährung direkt für die Menschen herstellen würden.

Wer Ernährungssicherheit ernst nimmt, muss bei den Grundlagen anfangen: sauberes Wasser, fruchtbare Böden, eine intakte Natur und eine Ernährung, die diese Grundlagen respektiert. Mehr pflanzliche Lebensmittel sind kein Verzicht, sondern ein Gewinn: für Umwelt und Gesundheit - und ja, auch für den Gaumen. Wer's nicht glaubt, soll's doch einfach mal ausprobieren. Vielleicht im Januar nach den vielen Festessen? Es gibt übrigens auch Betty-Bossi-Kochbücher mit rein vegetarischen und veganen Rezepten - garantiert gelingsicher.

Sie sehen, ich hege Sympathie für die Initiative. In ihrer konkreten Ausgestaltung überzeugt sie mich aber nicht. Die Forderung, den Nettoselbstversorgungsgrad innerhalb von zehn Jahren auf mindestens 70 Prozent zu erhöhen, ist weder realistisch noch verantwortungsvoll. Ein derart schneller Umbau der Produktion würde enorme staatliche Mittel erfordern und einen massiven Strukturwandel erzwingen, für den vielen Betrieben die Zeit, die Planungssicherheit und die soziale Abfederung fehlen würden. Zudem droht bei einem solchen Zeitdruck eine weitere Intensivierung der Nutzung - mit zusätzlichen Belastungen für Böden, Gewässer und Biodiversität. Damit würde das Ziel der Initiative letztlich unterlaufen.

Der indirekte Gegenvorschlag geht einen anderen, überzeugenderen Weg. Er setzt dort an, wo das Problem tatsächlich liegt: bei der konsequenten Einhaltung der Umweltziele. Er verpflichtet den Bund, dafür zu sorgen, dass die Höchstwerte für Stickstoff und Phosphor eingehalten werden und dass Gewässerqualität, Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität geschützt werden.

Der Gegenvorschlag schafft die Grundlage, diese Massnahmen im Rahmen der Agrarpolitik 2030 plus umzusetzen. Er ermöglicht einen schrittweisen, planbaren und sozial verträglichen Wandel. Er erlaubt es, Fehlanreize im heutigen Subventionssystem zu korrigieren und die Verantwortung entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu verankern: bei der Produktion, bei der Verarbeitung, beim Handel und beim Konsum.

Die Initiantinnen und Initianten haben mit ihrer Kritik recht: So, wie es heute ist, kann es nicht weitergehen. Gerade deshalb brauchen wir eine Lösung, die wirksam, mehrheitsfähig und umsetzbar ist.

Der indirekte Gegenvorschlag übernimmt die zentralen Anliegen der Initiative, ohne unrealistische Vorgaben in der Verfassung festzuschreiben. Ich bitte Sie, ihm zuzustimmen.