Weichelt Manuela · Nationalrat · 2026-06-15
Weichelt Manuela · Nationalrat · Zug · Grüne Fraktion · 2026-06-15
Wortprotokoll
Wissen Sie, was das ist? (Die Rednerin zeigt zwei Schachteln; Zwischenruf der Präsidentin: Frau Weichelt, darf ich Sie bitten, keine Gegenstände hochzuhalten?) Und wissen Sie auch, wo Sie diese kleinen, weissen Päckchen zuhause aufbewahren? Haben Sie sie jederzeit griffbereit? Es sind Ihre Jodtabletten.
Bei einem schweren Kernkraftwerkunfall kommen Jodtabletten zum Einsatz. Der Bund schreibt dazu auf seiner Website, dass bei einem KKW-Unfall radioaktives Jod freigesetzt werden könne. Dieses könne sich in der Schilddrüse anreichern und langfristig Schilddrüsenkrebs verursachen. Jodtabletten sollen genau dies verhindern. Sie müssen aber zum richtigen Zeitpunkt eingenommen werden.
Doch eines ist ebenso klar: Jodtabletten schützen lediglich die Schilddrüse vor radioaktivem Jod. Sie schützen weder vor anderen radioaktiven Stoffen noch vor den verheerenden Folgen eines schweren Reaktorunfalls. Viele von uns in diesem Saal sind über 45 Jahre alt. Für Menschen über 45 wird die Einnahme von Jodtabletten in der Regel nicht mehr empfohlen; falls Sie keine zuhause haben, könnte das an Ihrem Alter liegen. Es könnte aber auch daran liegen, dass Sie ausserhalb der Verteilzone wohnen und darauf angewiesen wären, dass Ihr Kanton die Tabletten im Ereignisfall rechtzeitig verteilt. Schon diese Tatsache zeigt: Die Risiken eines schweren AKW-Unfalls lassen sich nicht einfach wegorganisieren. Wir alle hoffen, dass ein solches Szenario nie eintritt. Doch Hoffnung ist keine Energiepolitik.
Schwere Reaktorunfälle sind letztlich häufiger vorgekommen, als viele Prognosen angenommen hatten. Fukushima hat gezeigt, dass auch in einem hochentwickelten Industrieland ein schwerer Unfall Realität werden kann. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Besetzung des AKW Saporischschja haben zudem deutlich gemacht, dass heute Risiken bestehen, die bei der Planung vieler Kernkraftwerke gar nie berücksichtigt wurden.
Die Folgen wären für die Schweiz verheerend. Der Bund selbst geht von möglichen Schäden in der Grössenordnung von mehreren tausend Milliarden Franken aus. Klar ist: Kein Betreiber, keine Versicherung und letztlich auch kein Staat könnten einen solchen Schaden vollständig tragen. Weite Teile unseres Landes könnten für lange Zeit unbewohnbar werden. Trinkwasserfassungen könnten ausfallen. Landwirtschaftliche Flächen würden kontaminiert. Ganze Regionen würden ihre wirtschaftliche Grundlage verlieren. Genau deshalb ist diese Debatte keine technische Debatte. Es geht vielmehr um die Frage der politischen Verantwortung.
Die Befürworter dieser Volksinitiative und des indirekten Gegenentwurfes sprechen von Versorgungssicherheit, sie sprechen von Technologieoffenheit, sie sprechen von neuen Chancen. Sie sprechen aber kaum über Risiken. Wer neue Atomkraftwerke fordert, muss den Menschen auch ehrlich sagen, welches Restrisiko damit verbunden ist. Wer die Atomenergie wieder salonfähig machen will, darf nicht so tun, als wären Tschernobyl, Fukushima oder die Entwicklungen in Saporischschja blosse Fussnoten der Geschichte. Denn am Ende gilt: Der Nutzen wird privatisiert, das Risiko trägt die Bevölkerung.
Deshalb lehne ich den Gegenvorschlag und die Initiative ab.
Zum Schluss, wenn Sie mir erlauben, eine Frage an Bundesrat Rösti: Sind Sie bereit, sich im Bundesrat und auch öffentlich dafür einzusetzen, dass der Bund unabhängige wissenschaftliche Studien finanziert, welche die Leukämierate bei Kindern im Nahbereich aktiver und stillgelegter Kernanlagen vertieft untersuchen? Vielleicht können Sie das dann in Ihrem Votum einbauen.