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Lang Josef · Nationalrat · 2003-12-16

Lang Josef · Nationalrat · Zug · Grüne Fraktion · 2003-12-16

Wortprotokoll

Wir Nationalrätinnen und Nationalräte haben in den letzten Tagen unzählige, häufig gleich lautende Mails und Briefe erhalten. Sie alle leugnen den Völkermord an den Armenierinnen und Armeniern in den Jahren 1915 bis 1918 und fügen dem bei, dessen Anerkennung würde das türkische Volk - insbesondere die in der Schweiz lebenden Türkinnen und Türken - tief verletzen. Weiter wird behauptet, eine Anerkennung des Völkermordes würde die Animosität zwischen Türken und Armeniern fördern.

Bedeutet etwa die Anerkennung der Shoah eine Verletzung der deutschen Bürgerinnen und Bürger? Stellt die Anerkennung der Shoah den gegenseitigen Respekt zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen in Frage? Ist die Anerkennung von begangenem Unrecht nicht im Gegenteil die Grundlage, die Voraussetzung für neuen Respekt? Es geht hier nicht darum, die mit industriellen Methoden betriebene Vernichtung des europäischen Judentums mit dem Genozid am armenischen Volk gleichzusetzen. Es geht darum, am Beispiel der deutschen Vergangenheitsverarbeitung aufzuzeigen, dass die historische Wahrheit den gegenseitigen Respekt unter den Nachfahren der Täter und jenen der Opfer nicht bedroht, sondern erst ermöglicht.

Wir leisten den Türkinnen und Türken wie auch der Versöhnung zwischen türkischem und armenischem Volk einen schlechten Dienst, wenn wir auf die nationalistischen Völkermordleugner hören. Als Beispiel: Welchem Deutschland ist mehr zu trauen - einem Deutschland, das die Shoah [PAGE 2016] anerkennt, oder einem Deutschland, das die Shoah weiterhin verdrängen und leugnen würde?

Dass es sich beim Verbrechen des jungtürkischen Regimes an den Armenierinnen und Armeniern um Völkermord im Sinne der Uno-Völkermordkonvention handelt, darüber gibt es in der internationalen Völkermordforschung keine Zweifel. Aus Berichten von Zeitzeugen wie zum Beispiel international tätigen Ärzten geht hervor, dass die Vernichtung des armenischen Volkes von Anfang an das Ziel der jungtürkischen Regierung war.

Der Erste Weltkrieg bot die Gelegenheit, in seinem Schatten einen spätestens seit 1913 herangereiften Vernichtungsplan auszuführen. Die Deportationen und Massaker an den armenischen Frauen, Männern und Kindern wurden von den Jungtürken zentral organisiert, überwacht und ausgeführt. Nach dem Genozid lebten, mit der Ausnahme Istanbuls, praktisch keine Armenierinnen und Armenier mehr im Osmanischen Reich. Insgesamt kamen über eine Million Menschen ums Leben. Die wenigen heute noch lebenden Flüchtlinge wie auch ihre direkten Nachkommen sind von den schrecklichen Erfahrungen zutiefst gezeichnet.

Auch in unserem Land leben heute rund 6000 Menschen mit armenischer Abstammung. Die Schweiz hat eine starke Tradition der Solidarität mit den armenischen Opfern von Massakern und Pogromen. So sind bereits 1897 nach einer Verfolgungswelle für eine Petition in unserem Lande fast eine halbe Million Unterschriften gesammelt worden. Auf heute umgerechnet entspricht das einer guten Million Unterschriften. Indem die Schweiz den Völkermord an den Armenierinnen und Armeniern anerkennt, bekräftigt sie diese humanitäre und menschenrechtliche Tradition. Wir würden - ähnlich wie andere Länder und ähnlich wie die Uno - nicht nur ein Zeichen für die Wahrheit und für die Gerechtigkeit setzen, wir würden auch eine Massnahme für die Versöhnung und für den Frieden treffen.