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Leumann-Würsch Helen · Ständerat · 2003-12-16

Leumann-Würsch Helen · Ständerat · Luzern · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2003-12-16

Wortprotokoll

Ich muss Bibliomedia nicht näher vorstellen, mein Vorredner hat das sehr ausführlich getan. Ich möchte aber doch einige Bemerkungen machen, denn die Pisa-Studie hat uns aufgerüttelt. Dort stand doch schwarz auf weiss, dass in unserem Land ein grosser Anteil nur über eine sehr geringe Lesekompetenz verfügt und dass sage und schreibe mehr als 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler am Ende der obligatorischen Schulzeit nicht in der Lage sind, einfache Texte vollständig richtig zu verstehen und den Inhalt sinngemäss zu interpretieren. Weiter heisst es, dass es für 7 Prozent der Schülerinnen und Schüler kaum möglich ist, aus einem schriftlichen Text auch nur einfache Informationen zu ermitteln. Im Weiteren ist auch bekannt, dass ein Anteil unserer Bevölkerung gar nicht lesen kann. Das bedeutet, dass diese Leute oftmals vom täglichen Geschehen ausgeschlossen sind und sich immer [PAGE 1175] wieder auf irgendeine Art und Weise durchmogeln müssen, nur damit man ja nichts merkt. Sie alle kennen den Verein Lesen und Schreiben für Erwachsene, der das Ziel hat, diesen Leuten durch Lesen und Schreiben eine bessere Verständigung zu ermöglichen.

Es gibt natürlich verschiedene Gründe dafür, dass Leute nicht lesen oder schreiben können. Ich will damit auch gar nicht sagen, dass die Bibliotheken das ändern oder sogar verhindern könnten. Es ist aber eine Tatsache, dass unsere Kinder in der Schule fast keine Bücher mehr lesen müssen, keine Gedichte mehr auswendig lernen müssen; ja es geht noch weiter: Auch Diktate sind kein Gräuel mehr, weil Kinder nicht mehr viele Diktate schreiben müssen. Ich bedaure das sehr, denn Deutsch ist und bleibt für uns auch eine Fremdsprache, für uns Deutschschweizer auf jeden Fall. Wir beherrschen sie zwar ganz gut, aber Denken und spontanes Diskutieren fällt uns in unserer eigenen Dialektsprache noch immer viel leichter. Das Beherrschen einer Sprache, die Sprachkompetenz, das Denken, aber auch die Entwicklung der Wahrnehmungsfähigkeit haben sehr viel mit Lesen zu tun. Gerade bei Kindern kann und soll die Freude am Lesen und an einem Buch gefördert werden. Das ist einerseits die Aufgabe der Eltern, andererseits aber auch die Aufgabe der Schulen. Auch hier lebende Ausländerinnen und Ausländer können sich unsere Sprache viel schneller aneignen, wenn sie lesen; auch hier besteht ein Bedarf.

Die Bibliotheken leisten hier einen grossen Beitrag, denn Bibliomedia erfüllt drei ganz wichtige Aufgaben: einerseits die Förderung der Lesekompetenz, dann die Integration und Versorgung der fremdsprachigen Bevölkerung, aber auch die Versorgung mit Büchern in allen Regionen der Schweiz, denn Bibliomedia verfügt über ein ausgezeichnetes Netz von Bibliotheken. Vor allem in wirtschaftlich schwächeren Regionen darf die Wirkung der Bibliotheken nicht unterschätzt werden. In Städten und Agglomerationen Bücher zu erstehen ist kein Problem. Anders sieht das in ländlichen Gegenden aus. Viele dieser Bibliotheken können nur überleben, wenn sie sich auch in Zukunft auf ihre zentralen Ressourcenbibliotheken verlassen können.

Wir haben heute über einen Unterstützungskredit von 7 Millionen Franken für die nächsten vier Jahre zu befinden. Die Minderheit Ihrer Kommission beantragt Ihnen, diesen Kredit analog dem Beschluss des Nationalrates auf 8 Millionen Franken zu erhöhen. Warum? Im Rahmen des Sparpaketes wurden, wo immer möglich, Kürzungen vorgenommen. Das ist verständlich, und das muss auch sein. Für die Stiftung Bibliomedia bedeutet das aber, dass die Mittel im Jahr 2006 und im Jahr 2007 um je 500 000 Franken gekürzt werden sollen. Das sind um 25 Prozent gekürzte Mittel. Bis 2007 könnte die Stiftung den Abbau von 1 Million Franken mit einigen schmerzlichen Abstrichen bei ihren Leistungen verkraften. Doch wenn wir jetzt beschliessen, dass ab 2006 noch maximal 1,5 Millionen Franken statt 2 Millionen Franken pro Jahr für die Stiftung Bibliomedia eingesetzt werden, ist das mit dem klaren Auftrag verbunden, dass Bibliomedia in Zukunft mit einem Drittel weniger an Bundesmitteln auskommen muss. Das Parlament beschliesst diesen Finanzrahmen zum letzten Mal. Denn unter dem neuen Kulturförderungsgesetz wird das Bundesamt für Kultur die Mittel voraussichtlich aus seinem beschränkten Budget selbst zuteilen. Mit 1,5 Millionen Franken im Jahre 2007 geben Sie dem Bundesamt ein klares Signal, dass die vom Bund betriebene Bibliotheks- und Leseförderung aus Ihrer Sicht massiv zurückgestuft werden kann.

Wir müssen heute darüber entscheiden, denn der Zahlungsrahmen von 7 Millionen Franken gibt den Maximalbetrag über diese vier Jahre vor. Das heisst, dass wir nach den ersten zwei Jahren um diese 1 Million Franken für die letzten zwei Jahre aufstocken können, wenn Sie sich heute für diesen Betrag entscheiden. Der Nationalrat hat bei seiner Entscheidung der Aufstockung auf 8 Millionen Franken zugestimmt. Wenn Sie heute 8 Millionen Franken beschliessen, dann heisst das noch nicht, dass wir diese auch ausgeben werden. Denn eine solche Aufstockung würde nur wirksam, wenn Sie bei den Budgets 2006 und 2007 entsprechend entscheiden würden. Gemäss Auskunft von Herrn Streiff, Direktor des Bundesamtes für Kultur, ist es noch offen, ob diese 1 Million Franken dann anderweitig kompensiert werden müsste.

Da mir dieses Projekt sehr am Herzen liegt, von der Bedeutung her ausgesprochen wichtig ist und 500 000 Franken pro Jahr im Gesamtrahmen des Departementes vernachlässigbar erscheinen, bitte ich Sie, den Antrag der Minderheit zu unterstützen und für jedes der kommenden vier Jahre 2 Millionen Franken zu bewilligen.