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Strahm Rudolf · Nationalrat · 2000-06-05

Strahm Rudolf · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2000-06-05

Wortprotokoll

Ich hätte diese Klärung von Herrn Imhof auch verlangt, und unter diesem Licht ist mir nicht ganz klar, weshalb der Bundesrat die Motion ablehnt. Warum ist er derart rigide? Es geht hier um eine zentrale Frage, nämlich um das Überleben des dualen Berufsbildungssystems. Wenn Sie jetzt den Gymnasiasten die Möglichkeit geben, ohne berufspraktischen Nachweis an die Fachhochschule zu gehen - sei das mit einer Prüfung, sei das ein anderes Modell -, dann haben Sie den Charakter der Fachhochschule verändert, dann haben Sie dem Dualsystem zumindest bei den hochschwelligen Berufen der Berufslehre den Todesstoss gegeben.

Weiter machen Sie noch etwas anderes - da haben natürlich die Universitätsprofessoren unter uns Freude -: Sie machen die Fachhochschule zum Überlaufmodell der Hochschulen. Man kann dann bei den Hochschulen den Numerus clausus einführen und sagen, die vom Numerus clausus betroffenen Gymnasiasten könnten dann auf die zweite Stufe, an die Fachhochschule gehen. Aber die Qualität der schweizerischen Fachhochschule ist - im Unterschied zur Fachhochschule in Deutschland oder in anderen Ländern -, dass die Leute von der Picke auf eine berufspraktische Ausbildung mitbringen und die mit theoretischem Wissen im Applikationsbereich verbinden können. Das ist die Qualität des schweizerischen Fachhochschul-Ingenieurs.

Passen Sie auf, dass Sie dieses System jetzt nicht abwerten. Ich finde - und das geht wahrscheinlich in Richtung von Herrn Imhof - das Modell "Swissmem" der Maschinenindustrie vorbildlich: Sie bietet den Gymnasiasten ein 2-jähriges - nicht ein 1-jähriges - Berufsbildungspraktikum mit einer Fachausbildung auch theoretischer Art an. Das finde ich den richtigen Weg.

Zum Schluss möchte ich Herrn Bundesrat Couchepin noch etwas zur Motion Beerli sagen: Das gleiche Problem wird ja morgen im Ständerat behandelt; deshalb habe ich mich auch gemeldet. Sie sehen: Das Problem ist zwar technisch, aber sehr bedeutsam. Ich höre mit Konsternation, dass der Bundesrat die Motion Beerli entgegennehmen will - wenn Sie das widerlegen, bin ich froh. Ich bin übrigens erstaunt über die Eile, mit der die Motion Beerli behandelt wird. Hängt das damit zusammen, dass sie Fraktionspräsidentin und [PAGE 485] deshalb in der Lage ist, das einfach so durch das Parlament zu drücken? Letzte Woche gab es noch keinen Entscheid des Bundesrates betreffend diese Motion.

Frau Beerli möchte im Informatikbereich den Zugang zur Fachhochschule für Gymnasiasten erleichtern; eine vorherige berufspraktische Ausbildung soll nicht mehr vorgeschrieben sein. Sie will dann während der Ausbildung an der Fachhochschule ein Jahr Praktikum einbauen. Aber ich sage Ihnen: Wenn das Schule macht, ist das der Tod des Dualsystems. Dies darf nicht unser Weg sein; unser Weg muss sein, dass wir die Zahl der Lehrstellen erhöhen und halt, wie das der Lehrstellenbeschluss II vorsieht, das erste Jahr der Lehre in der Schule machen lassen; damit bezahlen wir das so genannte Basisjahr in einer staatlichen Schule. Dann erfolgen das zweite, dritte und vierte Lehrjahr in einem Betrieb. Damit können wir den Betrieben auch Kosten für die Berufslehre abnehmen.

Aber wenn Sie jetzt den Weg für Gymnasiasten in die Fachhochschule öffnen, dann wird die Berufslehre einfach abgewertet. Davor möchte ich sehr warnen.

Ich bin auch - das sind wir alle - für eine Durchlässigkeit der beiden Systeme. Aber bitte, die Fachhochschule braucht als Voraussetzung eine berufspraktische Ausbildung.

Frau Beerli hat natürlich ein Interesse, sie ist Fachhochschuldirektorin. Sie hat jetzt mit grossem Prestigegewinn in Biel die Informatik ausgebaut, und jetzt fehlen die Lehrabgänger. Weil man bei der Berufslehre zu wenig getan hat, holt man nun Absolventen beim Gymnasium. Ich warne vor dieser Tendenz. Das ist letztlich - da bin ich mit Herrn Imhof einverstanden - eine Abwertung der Berufslehre und der Fachhochschule.