Müller Geri · Nationalrat · 2004-03-11
Müller Geri · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion · 2004-03-11
Wortprotokoll
Ich erlaube mir, Ihnen zwei Beispiele zu geben, die die nachfolgenden Gedanken erläutern und das bekräftigen, was Ihnen Maya Graf vorhin vorgetragen hat.
Erstes Beispiel: Als wir vor drei Jahren eine Schwangerschaft miterleben durften, wurde bei der ersten Untersuchung, nachdem wir den Ultraschall abgelehnt hatten, gesagt: "Sie müssen sich aber bewusst sein, dass Sie die Verantwortung alleine tragen, wenn etwas schief herauskommt." So wurden wir "bemündigt", das heisst eben auch, uns wurde eine Verantwortung übertragen.
Zweites Beispiel: Eine junge Frau, deren Mutter schizophren war, konnte keinen Sozialversicherungsvertrag abschliessen, weil man glaubte, dass die Wahrscheinlichkeit einer Schizophrenie bei ihr auch sehr hoch sei.
Das hat alles nichts zu tun mit dem jetzt zu beratenden Gesetz - oder eben doch! Die genetischen Untersuchungen machen uns glauben, dass man solche Voraussagen fester zementieren könnte. Sie machen uns glauben, dass es eine Möglichkeit mehr gibt, vorauszusagen, wie die Biographie des Menschen sich in Zukunft ändern wird. Das ist zum Teil wahr und zum Teil nicht wahr. Wie viel davon effektiv stimmt, wird die Zukunft noch zeigen. Es gibt einen weiteren Punkt: Was man weiss, macht einen heiss! Es kann also durchaus sein, dass gewisse Voraussagen den Menschen belasten können, auch wenn er vorher zugesagt hat, dass er gerne diese Informationen haben möchte. Schwierig wird es dann, wenn diese Voraussage nicht zutrifft. Die genetischen Untersuchungen können uns Hinweise auf die Zukunft unserer Gesundheit geben; sie sind aber nicht abschliessend richtig oder hundertprozentig wahr. Diese Problematik hat auch einen wichtigen Teil der Kommissionsberatungen eingenommen.
Deshalb müssen wir uns gut überlegen, was wir mit diesem Gesetz machen. Wir treten ja auf dieses Gesetz ein; wir meinen, es müsse etwas gemacht werden. Aber es darf nicht vergessen werden, dass dieses Gesetz ein Gesetz mehr ist. Das muss dazu führen, dass die Bevölkerung, dass der Mensch mehr Informationen bekommt; er muss diese auch verarbeiten können. Das heisst, es braucht einmal mehr eine gute Schulung, um mit all diesen Möglichkeiten und Begehrlichkeiten, die sich durch die neue Technologie ergeben, umgehen zu können - Begehrlichkeiten, die irgendwann einmal wieder einen Einfluss auf die Krankenkassenbeiträge [PAGE 308] haben werden. Glauben Sie nicht, dass eine Möglichkeit, wenn sie da ist, nicht auch gefordert wird - zu Recht gefordert wird. Oder aber die Leute stellen fest, dass sie mit einem "minderen" Test das gleiche Resultat haben können wie mit diesen Gentests.
Irgendwann wird es wahrscheinlich auch so sein, dass Konsequenzen verlangt werden, implizit oder explizit. Es kann durchaus sein, dass man sagt - wie es bei uns vor drei Jahren mit dem Ultraschall passiert ist -: Wenn du dich gegen die Genuntersuchung wendest, musst du die Konsequenzen selber tragen. Ich bitte Sie, das im Auge zu behalten, auch in Zukunft, wenn dieses Gesetz in Kraft treten sollte. Es ist nicht das abschliessende Ding, wir brauchen dazu viel, viel mehr, nämlich Information und Bildung in der Bevölkerung.