Heim Bea · Nationalrat · 2004-06-04
Heim Bea · Nationalrat · Solothurn · Sozialdemokratische Fraktion · 2004-06-04
Wortprotokoll
Gerade weil die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sowohl bei den jüngeren Menschen wie bei den älteren Menschen von Ihnen abgelehnt worden ist, ist jetzt dieser Antrag der Minderheit V (Roth-Bernasconi), den ich hier vertrete, umso wichtiger: "die Integration aktiver älterer Menschen auf dem Arbeitsmarkt verbessern."
Auf den ersten Blick scheint der Antrag der Minderheit V mit der Absichtserklärung des Bundesrates eigentlich identisch zu sein, aber das nur auf den ersten Blick. In unserer Gesellschaft, in der wir uns, Jung und Alt, in so hohem Masse durch die Erwerbsarbeit definieren, ist es von zentraler Bedeutung, in der Arbeitswelt integriert und einbezogen zu sein. Es ist von zentraler Bedeutung, die Gewissheit zu haben, man werde gebraucht, man sei nützlich. Arbeiten können ist ein entscheidender gesellschaftlicher Integrationsfaktor, ein wichtiges Element des sozialen Zusammenhalts. Wer den Text des Bundesrates genauer studiert, wird indessen begreifen, dass es wichtig ist, den Antrag der Minderheit V aufrechtzuerhalten. Der Bundesrat will nämlich aktive ältere berufstätige Menschen besser integrieren, aber - und ich nehme da die Worte von der Frau Bundeskanzlerin auf - er will ausdrücklich weder Arbeitsmarktpolitik betreiben noch sich mit der Frage der Arbeitszeiten beschäftigen; so die Aussagen in der Kommission. Aber um genau das werden wir nicht herumkommen, wenn wir verhindern wollen, dass ältere Menschen aus dem Arbeitsmarkt verdrängt werden!
Wie ist die Situation auf dem Arbeitsmarkt? Im Alter von 55 Jahren, ja sogar von 50 Jahren, ist es schwierig, einen Arbeitsplatz zu finden. Wenn man von Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt spricht, ist das schlicht eine Realität und keine Überzeugung. Ich hoffe, dass Toni Brunner, der heute nicht verstanden hat, worum es in Sachen gesellschaftlichem Zusammenhalt geht, das auch im Alter von 50 Jahren noch nicht versteht. Denn dann weiss ich, dass wir die Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt überwunden haben. Heute ist sie eine Realität. Die Arbeitslosigkeit und die wirtschaftlichen Umstrukturierungen haben diesen Trend verstärkt und die älteren Menschen aus dem Arbeitsmarkt hinauskatapultiert in die Arbeitslosigkeit, in die Sozialhilfe und schliesslich in die Invalidenversicherung. Wer gehofft hat, mit Frühpensionierungen das Problem der Jugendarbeitslosigkeit zu lösen, sieht sich getäuscht. Grundsätzlich macht es keinen Sinn, Menschen aus dem Arbeitsmarkt zu drängen, ebenso wenig, wie diejenigen zur Arbeit zu zwingen, die nicht mehr mithalten können.
Ein starres Rentenalter ist nicht arbeitsmarktkonform, es entspricht nicht dem Lebensrhythmus der Menschen, und es ist auch nicht gesund. Es geht über die Bedürfnisse der Wirtschaft ebenso hinweg wie über diejenigen der arbeitenden [PAGE 903] Menschen. Aktive ältere Menschen mit ihrer Arbeits- und Lebenserfahrung sind ein Potenzial, das es wieder zu entdecken und zu pflegen gilt. Sie sind eine Bereicherung und kein Ballast. Ich bin überzeugt, dass die Unternehmen je länger, je mehr dies wieder erkennen werden.
Der aktuelle Trend aber ist nach wie vor, ältere durch jüngere Arbeitnehmende zu ersetzen - oft darum, weil ältere Arbeitnehmende wegen der Beiträge in die zweite Säule teure Arbeitskräfte geworden sind. Wir müssen Modelle entwickeln, welche ohne diese Form der Diskriminierung auskommen. Wenn man ältere Arbeitnehmende in die Arbeitswelt integrieren will, braucht es erstens Modelle des flexiblen Rückzugs aus dem Erwerbsleben, zweitens Massnahmen zur Förderung der beruflichen Fort- und Weiterbildung, drittens ein selbstbestimmt wählbares, flexibles Rentenalter, sodass sich auch Leute mit kleineren Einkommen diese Form des Übergangs in die Nachberufszeit leisten können.
Ich bitte Sie, im Sinne einer gesellschaftlichen Innovation diesem Antrag zuzustimmen.