Fehr Jacqueline · Nationalrat · 2005-11-29
Fehr Jacqueline · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2005-11-29
Wortprotokoll
"Wieder werden wir im Stich gelassen." Die Aussage der ehemaligen Verdingkinder ist deutlich. Viele haben Angst, dass die offizielle Politik erneut wegschaut, dass sie nichts wissen will von der Geschichte der Verdingkinder und von den Fehlentscheiden und Unterlassungen der Behörden von damals.
Gegenwärtig ist eine Gruppe von Historikerinnen und Historikern daran, die Geschichte der ehemaligen Verdingkinder aufzuzeichnen. Mit einem kleinen Budget des Nationalfonds versucht sie, so das Geschehene dem Vergessen zu entreissen. Wie wichtig diese Arbeit ist, werden wir sehen, wenn die Zeitzeugen dereinst nicht mehr unter uns sein werden.
Für eine tatsächliche Aufarbeitung müssen aber auch die Archive mit den Behördenunterlagen zugänglich sein. Damit die Archive für die Forscherinnen und Forscher geöffnet werden, braucht es den politischen Willen der Kantone und eben des Bundes. Genau hier taucht sie wieder auf, jene unsichtbare Mauer, von der viele ehemalige Verdingkinder berichten. Dort, wo sie Unterstützung erwartet hätten und heute noch erwarten würden, stossen sie ins Leere, als ob sie Luft wären, als ob es die Verdingkinder nicht gegeben hätte, als ob dieses schwarze Kapitel schweizerischer Sozialgeschichte nicht stattgefunden hätte. Diese Mauer des Schweigens müssen wir überwinden. Deshalb müssen wir heute die vorliegende Motion annehmen. Sie fordert eine historische Aufarbeitung der Geschehnisse.
Das Verdingkindwesen war Teil einer Armutspolitik, die keine sein wollte. Wer für die Kinder nicht aufkommen konnte, musste sie halt weggeben. Eher zahlte man den Pflegeeltern ein Kostgeld, als dass man die Herkunftsfamilien unterstützt hätte. Oft wird gesagt, man solle jetzt nicht mit dem Finger auf jene zeigen, die damals entschieden hätten, schliesslich hätten damals andere Normen Gültigkeit gehabt. Genau das bestreite ich: Auch damals hatte man Vorstellungen von Kindeswohl. Oder sind Sie tatsächlich der Meinung, damals hätte es als akzeptabel gegolten, dass Kinder verschimmeltes Brot essen, in Schweineställen hausen mussten oder willkürlich geschlagen oder gestraft wurden? Die Haltung, das sei mit den Augen der damaligen Zeit zu sehen und nicht zu kritisieren, ist letztlich eine grosse Beleidigung der Menschen von damals.
Mit einer historischen Aufarbeitung müssen wir die damaligen Entscheide in einen sozial-, familien- und gesellschaftspolitischen Zusammenhang stellen. Es reicht nicht, wenn wir jeweils betroffen von den vielen Einzelschicksalen Kenntnis nehmen und empört darauf reagieren. Wir müssen nach den Gründen für diese menschen- und kinderverachtende Politik fragen. Wir müssen die ehemaligen Verdingkinder von Schuld freisprechen, indem wir uns bei ihnen im wahren Sinn des Wortes entschuldigen.
Wir müssen die Lehren für das heutige Pflegekinderwesen ziehen. Niemand weiss heute, wie viele Kinder in der Schweiz in Pflegefamilien leben. Die einen sprechen von 15 000, andere von mindestens 60 000 Kindern. Dass die Zahlen im Dunkeln liegen, ist nur ein Hinweis darauf, dass wir auch heute vielfach nicht wissen, wie es den Pflegekindern in ihren neuen Familien geht. Wir wissen nicht, welches die Motive jener Eltern sind, die Kinder zur Pflege aufnehmen, und wir wissen in den wenigsten Fällen, wie sie sich auf diese Aufgabe vorbereitet haben.
Damit stellt sich auch die Frage, ob wir die Lehren aus den bedrückenden Erlebnisberichten vieler Verdingkinder gezogen haben. Sind wir sicher, dass wir der seltsamen Verbandelung von Gemeindebehörden und Kosteltern einen Riegel vorgeschoben haben? Sind wir sicher, dass die heutigen Platzierungen dem Wohle der Kinder förderlich sind?
Pflegekinder sind auf den Schutz durch das öffentliche Interesse angewiesen, wie dies schon die Verdingkinder dringend nötig gehabt hätten. Die historische und politische Aufarbeitung der Leidensjahre ehemaliger Verdingkinder kann die Betroffenen von Schuld freisprechen. Sie kann darüber hinaus vielleicht Trost spenden, indem sie Beweis ist, dass wir aus den Fehlern gelernt haben und uns dafür einsetzen, dass den heutigen Pflegekindern das Schicksal der Verdingkinder erspart bleibt.
Ich bitte Sie, die Motion anzunehmen.