Lexipedia

Gysin Remo · Nationalrat · 2006-06-06

Gysin Remo · Nationalrat · Basel-Stadt · Sozialdemokratische Fraktion · 2006-06-06

Wortprotokoll

Bevor ich zur Motion "Förderung der Selbsthilfe" Stellung nehme, möchte ich meine Interessenbindung offen legen: Ich bin Präsident der Stiftung Kosch, Koordination der Selbsthilfe in der Schweiz. Wir sind eine Dachorganisation von 16 regionalen Stellen. In der Schweiz gibt es etwa 2000 Selbsthilfegruppen mit rund 30 000 Mitgliedern. Von der Tätigkeit der Mitglieder sind natürlich ganze Familien betroffen. Sie sehen also, dass es ein Bereich ist, von dem heute einiges ausgeht. In der Schweiz gibt es Selbsthilfegruppen im Bereich der Krebsleiden, Morbus Scheuermann, Diabetes, auch praktisch für alle Behinderungen und Krankheiten, auch für Eltern von Kindern mit Muskelkrankheiten oder anderen Leiden.

Das Begehren der Motion beinhaltet, die Förderung der Selbsthilfe im Krankenversicherungsgesetz zu verankern. Alle sprechen von der Selbstverantwortung der Patientinnen und Patienten. Hier ist ein konkreter Ansatz dazu, denn auch Selbstverantwortung kann man nur wahrnehmen, wenn man dazu die Gelegenheit bekommt und wenn dieser Ansatz auch gefördert wird. Im Kern geht es um die Förderung der Selbstbestimmung, um das eigene Handeln zur Überwindung eigener Not. Aus der Selbsthilfe ergeben sich - und das ist nun auch für die Schweiz wissenschaftlich belegt - positive Effekte auf die Gesundheit und auch eine Einsparung von Gesundheitskosten. Der Erfahrungsaustausch in Selbsthilfegruppen führt zur Stärkung von mentalen Kräften, die ein Mensch für seine Gesundheit mobilisieren kann. Das führt auch zu Verhaltensänderungen, zum Beispiel zu einem neuen Umgang mit eigenen, oft schmerzhaften und chronischen Leiden. Ein Beitrag zur Kosteneindämmung wird unter anderem durch einen verbesserten Informationsgrad der Patientinnen und Patienten erzielt. Dadurch werden professionelle Angebote, zum Beispiel der Ärzteschaft, gezielter und [PAGE 742] damit auch weniger in Anspruch genommen. Die Therapiemitarbeit wird verstärkt, gemeinsame Therapieziele von Ärzten und Patientinnen und Patienten werden besser erreicht. Als weiteres Beispiel für Kosteneinsparungen ist der verminderte Medikamentenkonsum zu nennen.

Selbsthilfegruppen arbeiten unentgeltlich. Es gibt eine Studie, die belegt, dass mit professionellen Hilfskräften in der Schweiz bei einer Annahme von 2000 Gruppen rund 96 Millionen Franken pro Jahr ausgegeben werden müssten. Es ist also nicht nur ein Empowerment-Ansatz, wie er zur Gesundheitspolitik gehört, sondern es ist auch ein konkreter Sparansatz.

Die WHO hat schon 1982, also vor über zwanzig Jahren, eine Empfehlung abgegeben, die besagt: Die Selbsthilfe soll lokal, kantonal und auch national gefördert werden. Das findet zurzeit auch statt. Ich darf das Beispiel der neuen Verfassung des Kantons Basel-Stadt nennen, die in der nächsten Session hier zur Sprache kommt, wo zum ersten Mal von einem Kanton die Förderung der Selbsthilfe auf Verfassungsebene festgehalten wird. Ein Blick über die Grenzen zeigt auch das grosse Potenzial der Selbsthilfe für die Gesundheitspolitik. Deutschland verfügt über ein flächendeckendes Netzwerk von Selbsthilfegruppen. Sie haben landesweit ein eigenes Finanzierungssystem zur Förderung der Selbsthilfegruppen eingerichtet. Im Vergleich mit der Schweiz ist das Potenzial, das ausgeschöpft wurde, etwa viermal grösser.

Die Motion knüpft an die abgebrochene Revision des KVG an. Sie erinnern sich vielleicht, dass man im Nationalrat und im Ständerat die Förderung der Selbsthilfe in einem Artikel 23a im KVG bereits verankert hat. Aber in der Wintersession 2003 hat diese Revision leider Schiffbruch erlitten.

Ich bitte Sie, darauf zurückzukommen und die Motion anzunehmen. Ich gestatte mir noch einen Hinweis auf die Mitunterzeichnerinnen und Mitunterzeichner. Sie sehen, dass wir ganz bewusst Leute aus allen Fraktionen angesprochen haben. Damit liegt eine interfraktionelle Motion vor, die, so hoffe ich, von allen unterstützt wird.

Gysin Remo · Nationalrat · 2006-06-06 | Lexipedia | Lexipedia