Genner Ruth · Nationalrat · 2006-06-15
Genner Ruth · Nationalrat · Zürich · Grüne Fraktion · 2006-06-15
Wortprotokoll
Wir entscheiden heute über die Lebenssituation und das damit verbundene Wohlbefinden von jungen Menschen. Herr Schneider-Ammann, es geht mir absolut nicht einfach nur um die Unfallgefahr - ich bin sicher, dass Sie in den Betrieben für entsprechende Massnahmen sorgen -, sondern es geht um die Gesundheit von jungen Menschen.
Die grüne Fraktion will auf diese Gesetzesänderung nicht eintreten. Es ist so: Junge Menschen erreichen mit 18 Jahren das Mündigkeitsalter. Wir wollen, dass sie wenn möglich selbst über ihre Zukunft und ihren Alltag entscheiden können. Nichtsdestotrotz befinden sich in diesem Alter quasi alle Jugendlichen in Ausbildung, in einer Lehre, in der Schule, im Studium. Jugendliche haben äusserst knappe [PAGE 938] Finanzen. Aus diesem Grund werden sie Arbeitsangebote annehmen, ob es gesundheitlich klug und vorausschauend ist oder nicht. Sie werden arbeiten, wenn sie dies mit ihrer Ausbildung und ihren anderen Verpflichtungen des Alltags vereinbaren können. Sie werden auch einem Lehrmeister gegenüber nicht Nein sagen, weil sie in der Lehre in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen.
Aus diesem Grund muss und soll der Jugendschutz im Arbeitsgesetz am heutigen Platz bleiben. Es gilt, heute unsere Verantwortung wahrzunehmen, und zwar durchaus in einer präventiven Form. Es geht nicht darum, Lehrlinge und Lehrtöchter vom Arbeiten fern zu halten; es geht darum, sie vor der Schichtarbeit nachts und sonntags zu schützen, damit ihre Kraft und ihr Engagement fürs Lernen erhalten bleiben. Das ist der Hauptjob; das ist das, was wir von den in Ausbildung stehenden Menschen wollen: dass sie lernen. Wir wollen, dass sich unsere in Ausbildung Stehenden primär - ich sage nicht "ausschliesslich", jedoch "primär" - der Ausbildung widmen. Gerade weil wir Grünen auf Bildung setzen, wollen wir die dort investierten Mittel optimal und zielgerichtet eingesetzt wissen.
Dass Jugendliche und junge Menschen in den Arbeitsmarkt integriert werden, wollen wir auch; das entspricht durchaus dem, was der Kommissionssprecher gesagt hat. Aber wir wollen gerade diese Menschen auch für das Lernen geschützt wissen. Herr Gysin, es geht doch nicht an, auf dem Buckel der Jugendlichen Wettbewerbsvorteile für die Schweiz herausholen zu wollen, das ist geradezu abstrus. Besonders im Vergleich mit Deutschland haben wir eine enorm hohe Integration der Jugendlichen im Arbeitsmarkt. Das ist zu begrüssen, das ist ja auch eine der grossen Stärken unseres dualen Bildungssystems. Jedoch - da ist die grosse Differenz zwischen den Auffassungen, die ja hier vertreten werden - geht es bei der Integration in der Arbeitswelt auch um den Jugendschutz, und der Jugendschutz geht vor.
Ich habe eine lange Erfahrung im Bereich der Gesundheitsförderung, und ich kann Ihnen Folgendes sagen: Die jungen Menschen dieser Altersgruppe sind in einer gesundheitlich sehr, sehr vulnerablen Phase, vor allem, was die psychische Gesundheit betrifft. Diese Übergangsphase, in der sich die jungen Menschen in diesem Alter befinden, ist ganz wichtig und ist durch ganz verschiedene Aspekte gekennzeichnet. Ich möchte Sie daran erinnern: Es ist die Ablösung vom Elternhaus; es ist die Ausbildung, in der die jungen Menschen bestehen müssen, sonst haben sie keine Zukunftschance; es ist die Orientierung im Erwachsenenleben; es gilt, den Anforderungen am Lehrplatz gerecht zu werden; die jungen Menschen haben ihre ersten Liebeserfahrungen; es ist die Sinnfindung in der Gesellschaft; und zugleich sind sie zum Teil noch in körperlicher Entwicklung. Das bedeutet eine hohe Belastung für diese jungen Menschen. Es kann nicht angehen, dass wir hier, gerade in dieser Phase, jetzt noch mehr Druck aufsetzen.
Wir Grünen stehen dafür ein, dass gerade diese Phase unter guten Bedingungen stattfinden kann; das heisst nicht, dass die jungen Menschen geschont oder behütet werden, aber das heisst, dass sie an ihrem Ort geschützt sind. Dieser Ort und diese Zeit sind zu schützen: Das ist das Stück Freizeit am Sonntag, und das ist auch die Zeit während der Nacht, wenn sie die Ruhe brauchen, um eben wieder zu lernen.
Gesundheit ist eine Balance, Gesundheit ist nicht ein Zustand, und gerade für junge Menschen gilt es, diese Balance immer wieder zu finden.
Ich bitte Sie, auf diese Gesetzesänderung nicht einzutreten.