Fehr Mario · Nationalrat · 2006-10-05
Fehr Mario · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2006-10-05
Wortprotokoll
Meine Interessenbindung ist bekannt: Ich spreche zu Ihnen auch als Präsident des Kaufmännischen Verbandes Schweiz. Als solcher engagiere ich mich quasi von Amtes wegen für eine gute Bildung, insbesondere für eine gute Berufsbildung. Viele von Ihnen haben dies, zumindest verbal, heute Morgen auch getan.
Ich finde, dass wir all diesen schönen Worten am Ende dieses Morgens auch Taten folgen lassen sollten. Die Schweiz verfügt immer noch über ein sehr gutes, über ein hochwertiges Berufsbildungssystem. Dieses bildet bestens qualifizierte Praktikerinnen und Praktiker aus. Wenn wir aber ein bisschen die nähere Zukunft betrachten, so sehen wir, dass wir in den nächsten Jahren nicht nur in der Schweiz, sondern auch in den umliegenden Ländern einen gravierenden Fachkräftemangel haben werden. In Deutschland beispielsweise ist dies erkannt; Gesellschaft, Staat und Wirtschaft unternehmen dort sehr grosse Anstrengungen, um diesen Fachkräftemangel zu beheben. Zum Fachkräftemangel kommt hinzu, dass wir in den nächsten Jahren auch eine Auslagerung von einfachen Tätigkeiten aus der Schweiz in andere Länder erleben werden - wir erleben dies heute schon, und es wird sich noch beschleunigen -, in Länder, die deutlich tiefere Lohnkosten haben. Wenn wir hier mithalten wollen, brauchen wir hochqualifizierte, spezialisierte Arbeitskräfte. Wir müssen in die Bildung und insbesondere in die Weiterbildung, in das lebenslange Lernen, investieren. Dies hat Herr Widmer heute Morgen zu Recht angesprochen. Der Wirtschaftsstandort Schweiz kann nur dann erfolgreich sein, wenn wir hochqualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben, und hier muss in der Berufsbildung ein besonderer Akzent gesetzt werden.
Obwohl die Berufsbildung eine wichtige Stellung einnimmt, ist es heute leider so, dass sie gegenüber anderen Zweigen der Bildung benachteiligt wird. Sie bekommt im Verhältnis zur Zahl junger Menschen, die für die Berufswelt ausgebildet werden, zu wenig Geld, und wenn wir den Worten von Bundesrat Couchepin aus den letzten Monaten folgen, sehen wir hier keine Zukunftsperspektive. Heute wäre ja eigentlich vorgesehen, dass die Berufsbildung vom Bund 25 Prozent ihrer Kosten gedeckt bekommen sollte; es sind gerade einmal knapp 17 Prozent. Bundesrat Couchepin möchte diesen Anteil noch auf 22 Prozent reduzieren, und ich kann Ihnen sagen, Herr Bundesrat: Wir werden die entsprechenden Gesetzesänderungen nicht hinnehmen.
Mit der Erhöhung der Fördermittel im Bildungsbereich um 4,5 Prozent - allenfalls auch um 6 Prozent -, wie sie der Bundesrat vorschlägt, ist keine zukunftsgerichtete Berufsbildung möglich und auch keine Bildungspolitik im Allgemeinen. Wir können uns gerade einmal an den Bildungsprogrammen der EU beteiligen und plus/minus den heutigen Standard knapp halten. Was es jetzt aber bräuchte, ist die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben in der Berufsbildung und bei den Fachhochschulen. Und es braucht auch die Sicherstellung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit im Hochschulbereich. Wir wollen nicht, dass alle diese Bildungsbereiche gegeneinander ausgespielt werden. Wir wollen, dass für alle mehr getan wird.
In Sachen Bildung müssen wir im Interesse aller viel ehrgeiziger werden. Es braucht mehr Geld, mehr Ehrgeiz und mehr verbindliche staatliche Vorgaben. Wir müssen den Mut und die Kraft haben, anderes zugunsten der Bildung zurückzustellen. Das ist im Interesse der Arbeitnehmenden und im Interesse der Unternehmen. Es ist im Interesse der Schweiz.