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Wiederkehr Roland · Nationalrat · 2000-10-05

Wiederkehr Roland · Nationalrat · Zürich · Evangelische und Unabhängige Fraktion · 2000-10-05

Wortprotokoll

Es erschallt jetzt natürlich der Ruf, man müsse Prävention betreiben, um rassistischen Auswüchsen Herr - und Frau - zu werden. Natürlich muss man das tun; es gibt viele Organisationen, die das seit Jahren tun. Sie bieten Kurse in Konfliktmanagement an und werden von Staates wegen kaum unterstützt. Generell lautet die Haltung: Lieber erst dann etwas tun und Mittel einsetzen, wenn die Katastrophe schon passiert ist.

Ich bin sehr dafür, dass Konfliktmanagement gelehrt wird und auch in den Schulen Einzug hält, weil wir auch Multikulti-Probleme haben, vor allem in den Pausenhöfen, neuerdings auch in der Auseinandersetzung mit Lehrern oder Abwarten, die spitalreif geschlagen werden.

Diese Art Prävention im Nachhinein behebt eigentlich nicht die ursächlichen Missstände, und wir müssen uns schon fragen, was wir denn den meist jungen Leuten, die sich auf der einen oder anderen Seite, d. h. rechts- oder linksfundamentalistisch, so ereifern, überhaupt bieten, damit sie anders "herauskommen" könnten.

Nun: Was bieten wir ihnen? Wir bieten ihnen eine Robinson-Sendung am Fernsehen mit lächerlichen Pfadi-Spielen; sie sitzen dann in den Stühlen, statt dass sie das selber machen und damit eine Aggressionsabfuhr hätten. Wir bieten ihnen "Big Brother" aus der Dose. Die Leute schauen das und haben das Gefühl: Ich möchte auch einmal auf der Bühne stehen, wo man mich überhaupt beachtet. Und dann tun sie eben etwas, um beachtet zu werden.

Dazu in Klammern: Ich finde es grausam schade, dass sich in dieser Schweiz intelligente Leute, die weiss Gott andere Zukunftsperspektiven beruflicher Art hätten, ausgerechnet als Quotenjäger beteiligen und z. B. ihre grösste Aufgabe darin sehen, "Robinson"- oder "Big Brother"-Sendungen herzustellen. Sie tun der Gesellschaft damit keinen Gefallen.

Ich habe selbst zwei Kinder im Alter von 24 und 26 Jahren. Sie sind sehr offen erzogen worden und haben deshalb sehr viel Kontakt mit Jugendlichen aus verschiedenen Milieus, auch mit Skins. Sie können bestätigen, dass Skins normalerweise nicht mit einem sehr hohen Intelligenzquotienten ausgestattet sind, und das ist das Gefährliche. Es sind individuell zu kurz Gekommene, die aber auch einmal eine Rolle spielen möchten, und sie lassen sich ausserordentlich gut von Leuten verführen, die wissen, was sie tun, und sie zu ihren eigenen Zwecken missbrauchen.

Diese nun einfach auszugrenzen, halte ich nicht für die richtige Methode. Ich halte es auch nicht für die richtige Methode, sie - wie es einem liberalen Staat ansteht - erst nach einer gewissen Zeit auszugrenzen, wie Herr Steinegger vorhin gesagt hat. Wir müssen zu einer neuen Art der [PAGE 1161] Prävention finden in unserer Gesellschaft, indem wir einen Diskurs über Sinn und Unsinn dessen beginnen, was wir den jungen Menschen heute bieten. Viele würden überhaupt nicht in einen rechten oder linken Radikalismus abgleiten, wenn es ihnen nicht stinklangweilig wäre, wenn sie im Leben einen Sinn sähen.

Dazu braucht es Vor-Bilder und nicht nur Konsum-Bilder am Fernsehen. Allzu oft haben die grossen Magnete in unserer Gesellschaft - die Medien, das können aber auch einzelne Politiker sein - diese Vorbildfunktion aufgegeben, haben sie wirtschaftlichen Interessen geopfert. Da dürfen wir uns nicht wundern. Ich erlaube mir daher, auch heute wieder den Appell an Sie zu richten, die gesellschaftliche Diskussion so zu führen, dass wir herausfinden können, was junge Menschen wollen, wo sie einen Sinn sehen, den sie attraktiv finden, dem sie nacheifern wollen - statt dass wir sie einfach von Anfang an ausgrenzen.