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Kiener Nellen Margret · Nationalrat · 2007-09-19

Kiener Nellen Margret · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2007-09-19

Wortprotokoll

Ich möchte meine Interessenbindung offenlegen: Ich bin Verwaltungsrätin des Universitätsspitals Inselspital in Bern. Ich äussere hier aber meine persönliche Meinung: Ich bin klare Anhängerin der Schulmedizin und der ergänzenden Komplementärmedizin.

Die Volksinitiative fordert die Aufnahme der Komplementärmedizin in die Bundesverfassung; ihr primäres Ziel ist es, dass Schul- und Komplementärmedizin besser zusammenarbeiten können, dass sie sich gegenseitig ergänzen. Das nennen wir integrative Medizin.

Die Initiative fordert eine umfassende Berücksichtigung der Komplementärmedizin. Das Wort "umfassend" ist selbstverständlich interpretationsbedürftig, aber um die Komplementärmedizin umfassend berücksichtigen zu können, sind keine zusätzlichen Gesetze nötig. Vielmehr sollen die bestehenden Gesetze und Verordnungen ergänzt werden. Das Wort "umfassend" wurde gewählt, weil Bund und Kantone dann überall dort, wo sie rechtlich zuständig sind, die Komplementärmedizin berücksichtigen müssen: bei Ärztinnen und Ärzten, bei Therapeutinnen und Therapeuten, in der Pflege, im Heilmittelbereich, in der Wissenschaft, in Lehre und Forschung. Anstatt weiterhin "Pflästerlipolitik" zu betreiben, werden explizit Lösungen gefordert, die umfassend sind, d. h. Lösungen in allen Bereichen. Vergessen Sie nicht, dass die Interpretation des Wortes "umfassend" nicht einer mystischen Kraft überlassen bleibt, sondern dem Gesetzgeber übergeben wird. National- und Ständerat sowie die kantonalen Parlamente werden konkretisieren, was "umfassend" heisst.

Die Initiantinnen und Initianten möchten die traditionelle Heilmittelvielfalt erhalten. Sie wollen die Abgabekompetenz und die heutige Angebotsvielfalt der Apotheken und Drogerien erhalten. Sie fordern gesetzliche Grundlagen und Qualitätssicherung, damit gut ausgebildete Therapeutinnen und Therapeuten in einem klar geregelten Umfeld arbeiten können. Sie wollen, dass die Komplementärmedizin an öffentlichen Institutionen gelehrt und weiter erforscht wird. Hier gibt es unbestritten Nachholbedarf: Auf über 1000 schulmedizinische Professuren kommen nur gerade 1 Lehrstuhl und 1 Lehrstuhläquivalent für Komplementärmedizin.

Die Initianten haben nie gefordert, dass die gesamte Komplementärmedizin durch die Grundversicherung bezahlt werden solle, im Gegenteil: Sie wollen das explizit nicht und verlangen keine Änderung der gesetzlichen Grundlagen, welche hierfür notwendig wäre. Bundesrat Couchepin hat die ärztliche Komplementärmedizin 2005 aus der Grundversicherung ausgeschlossen. Kostete diese damals 25 Millionen Franken pro Jahr, so bezahlen die Patientinnen in der Zusatzversicherung für die gleiche Leistung nun 200 bis 300 Millionen Franken an Prämien.

70 Prozent der Bevölkerung verfügen heute über eine entsprechende Zusatzversicherung, und somit können nur noch 70 Prozent komplementärmedizinisch behandelt werden - dies ungeachtet der Tatsache, dass die Schulmedizin bei gewissen Krankheiten keine Alternativen oder solche mit höheren Nebenwirkungen bietet. Für die SP-Fraktion ist dies eine Fehlentwicklung. Mit der SP möchten weite Teile der Bevölkerung diese Fehlentwicklung korrigieren; laut einer repräsentativen Demoscope-Umfrage sind dies rund drei Viertel der Bevölkerung. Gerade die Komplementärmedizin kommt mit ihrem ganzheitlichen Ansatz den Bedürfnissen vieler Menschen entgegen.

Alternative Heilmethoden werden die Schulmedizin nie ersetzen. Das ist auch nicht das Ziel. Immer mehr Schulmediziner und Schulmedizinerinnen erweitern aber ihr Dienstleistungsangebot, weil sie feststellen, dass universitäres Wissen allein nicht genügt. Arbeiten Schul- und Komplementärmedizin Hand in Hand, so steigen die Heilungserfolge der Patientinnen und Patienten. Kollege Günter hat dies mit seiner grossen Berufserfahrung als Arzt eindrücklich aufgezeigt. Dieses Hand-in-Hand ist nicht nur die gesündere, sondern letztlich für die Bevölkerung auch die günstigere Lösung. Herr Kollege Triponez, diesen schönen Blumenstrauss kann und muss sich die Schweiz leisten.

Ich bitte Sie aus diesen Gründen, die Initiative "Ja zur Komplementärmedizin" zur Annahme zu empfehlen.