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Lang Josef · Nationalrat · 2007-06-21

Lang Josef · Nationalrat · Zug · Grüne Fraktion · 2007-06-21

Wortprotokoll

In einem Interview der Zeitung "Der Bund" - der nicht zufälligerweise so heisst - wurde dem Zürcher Pädagogikprofessor Jürgen Oelkers folgende Frage zum Frühsprachenstreit gestellt: "Dass die meisten Deutschschweizer Englisch vorziehen, verbittert die Westschweizer. Driften die Sprachgruppen auseinander?" Die Antwort von Professor Oelkers ist gleichzeitig ein Argument für die Minderheit II (Savary) und ein Argument gegen die Minderheit I (Füglistaller): "Hier kann ich mir Lösungen vorstellen, die nicht einfach nur auf Unterricht, sondern verstärkt auf Austausch setzen. Die Institution des Welschlandjahres sollte für alle Landessprachen gelten. Hier gibt es im Übrigen schon längst private Angebote im Bereiche des zehnten Schuljahres. Vielleicht kann man solche Lösungen auch vorher im obligatorischen Bereich anstreben. Die Sprachen sind ja im Land."

Die Chance, dass die Sprachen ja im Land sind, ist derart gross und derart naheliegend, dass sie viel energischer gepackt werden muss. Eine Kann-Formulierung ist zu wenig verbindlich, packt diese Chance zu wenig energisch. Die traditionelle Einrichtung des Welschlandjahres lässt sich nicht mehr zurückholen, mindestens nicht mehr so, wie es früher gewesen ist. Umso mehr gilt es, andere Gefässe für den Austausch und für Sprachaufenthalte zu fördern, zu entwickeln und zu erfinden, und hier hat der Bund eine aktive und auch initiative Rolle zu spielen.

Es wird hier viel um Geld gestritten, obwohl es um relativ wenig Geld geht. Dabei geht es um die Frage: Welchen politischen und kulturellen Wert und welchen ökonomischen Nutzen hat die Mehrsprachigkeit? Aus meiner Sicht, und das ist auch die Sicht eines Historikers, kann die Bedeutung der Mehrsprachigkeit für unser Land gar nicht überschätzt werden. Ich bringe zwei Beispiele, ein positives und ein negatives. Das positive Beispiel: Wenn die Schweiz mehrheitlich den totalitären Versuchungen der Dreissiger- und Vierzigerjahre widerstanden hat, dann verdankt sie dies auch der pluralistischen Selbstverständlichkeit und der politisch-kulturellen Pflege der Mehrsprachigkeit. Das war eine Barriere. Das negative Beispiel: Wenn die Schweiz im Ersten Weltkrieg an den Rand des Auseinanderbrechens geriet, hat das auch damit zu tun, dass die französischsprachige Elite und noch mehr die deutschsprachige Elite - besonders stark die zürcherische Elite, Herr Noser, und die aargauische Elite, Herr Füglistaller - die Mehrsprachigkeit als etwas Nebensächliches betrachtet und behandelt haben.

Insbesondere an den Freisinn appelliere ich, sich die Gründerväter dieses Bundesstaates zum Vorbild zu nehmen. Sie haben in einem unheimlich gewaltigen Kraftakt aus der deutschsprachigen alten Eidgenossenschaft - vergessen wir die Märchen von der 700-jährigen Mehrsprachigkeit -, einen mehrsprachigen Bundesstaat gemacht, und zwar mit einem Aufwand, der viel grösser war als der, über den wir jetzt diskutieren. Allein mit kostenfixiertem Pragmatismus lässt sich die Mehrsprachigkeit aber nicht erhalten. Ohne sprachlichen Voluntarismus, wie man das im mehrsprachigen Spanien nennt, hat die Mehrsprachigkeit keine Zukunft!