Pfister Theophil · Nationalrat · 2009-04-29
Pfister Theophil · Nationalrat · St. Gallen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2009-04-29
Wortprotokoll
Die Berufsbildung in der Schweiz ist erfolgreich; das ist unbestritten. Mit zwei grundsätzlich verschiedenen Ausbildungswegen, dem schulischen Weg und dem beruflichen Weg, führen wir unsere Jugend unterschiedlich in die Arbeitswelt ein - gemäss Artikel 61a Absatz 3 der Bundesverfassung gleichwertig, aber andersartig. Die SVP unterstützt das duale System und verlangt Gerechtigkeit auf der Grundlage des Vergleichs aller Bildungsmassnahmen; sie lehnt alle Vorstösse ab, die mit den Grundlagen des Systems nicht vereinbar sind.
Die Berufsbildung ist im Berufsbildungsgesetz aus dem Jahre 2002 geregelt. Das Gesetz hat sich insgesamt bewährt, insbesondere auch die Berufsbildung als Verbundaufgabe von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt (OdA); sie sind gleichwertige Partner. Im Berufsbildungsgesetz sind leider die Finanzierungsmodelle für die kleinen OdA, die neu geschaffen worden sind, nur andeutungsweise behandelt worden, hingegen ausführlicher deren Aufgaben. Die OdA haben primär dafür zu sorgen, dass die Lehrstellen und auch die Lehrkräfte in der notwendigen Zahl und Qualität zur Verfügung stehen und die Inhalte der Ausbildung richtig sind.
Als Präsident einer kleinen OdA sehe ich die bestehenden Probleme auch von der praktischen Seite. Mit der Verbundaufgabe will der Gesetzgeber der Forderung Rechnung tragen, dass sich die berufliche Ausbildung in der Praxis, nahe am Geschehen, auf geeignete und tragbare Rahmenbedingungen stützt. Das BBT hat bis heute mit gutem Erfolg versucht, diese schwierige Partnerschaft auch umzusetzen, ohne das schwächste Glied, die neuen OdA, zu überfordern. Die administrativen Auflagen und die teilweise komplizierte Finanzierung, etwa im Bereich der überbetrieblichen Kurse, sind für die OdA belastend, teilweise ist es auch die Finanzierung der OdA selbst.
Wer sich mit der Berufsbildung befasst, kann nicht übersehen, dass eine schleichende Akademisierung der Berufsbildung stattfindet, etwa bei der Ausrichtung auf ECTS-Punkte. Hier kommen berufsfremde Elemente aus der rein akademischen Bildung hinein, ohne eine entsprechend positive Wirkung zu entfalten. Betroffen sind die Auswahl und die Anstellung von Lehrkräften. Für gute Leute aus der Praxis für den berufskundlichen Unterricht wird damit der Spielraum immer kleiner. Angesprochen ist hier natürlich der stetige Ausbau des Eidgenössischen Institutes für Berufsbildung mit allen Konsequenzen hinsichtlich Zulassung, Diplome, Master-Studiengänge, Doktorate und sonstige Qualifikationsverfahren, die für den Erfolg einer beruflichen Ausbildung nicht ausschlaggebend sind. Berufliche Erfahrungen und Fähigkeiten sind nicht so leicht messbar wie schulische, sie sind aber für die Berufe sehr wichtig und sollten nicht als zweitrangig angesehen werden. Hier mache ich mir als ehemaliger Berufsschullehrer Sorgen, Frau Bundesrätin. Ein Effort ist angesichts der heutigen Mobilität und der kantonsübergreifenden Aufgaben angezeigt, um die administrativen Arbeiten zu vereinfachen und finanziell zu sichern.