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Freysinger Oskar · Nationalrat · 2010-09-28

Freysinger Oskar · Nationalrat · Wallis · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2010-09-28

Wortprotokoll

Ich spreche für eine Minderheit der SVP-Fraktion.

Musik ist die abstrakteste und zugleich die immanenteste Sprache der Welt. Ein paar Haken auf fünf Notenlinien bauen Klangräume auf, Tonkathedralen, Schwingungen, die durch Mark und Bein dringen, jedes Atom, jede lebende Zelle durchdringen, um die menschliche Seele zu bereichern.

Musik vereinigt Raum und Zeit und schafft dadurch eine völlig neue Dimension. Denn Musik findet, im Unterschied zu allen anderen Künsten, immer nur im Augenblick statt, in der erlebten Gegenwart. Durch sie, durch diese wundersame Spiegelung des Lebens selbst, wird "carpe diem" endlich zur Wirklichkeit. Wie alle glücklichen und leidvollen Momente unseres Lebens lassen sich Töne und Klänge nicht aufhalten, geschweige denn besitzen. Man kann wohl ein Instrument besitzen, nicht aber die Musik. Man kann höchstens von ihr besessen werden. Sol- und Fa-Schlüssel öffnen Türen zu Sphären, wo sogar Gott versucht ist, das Tanzbein zu schwingen. Denn Musik ist nicht nur irgendein Fach im Unterricht oder eine belanglose Spielerei: Sie erfüllt jeden von uns, auch den unmusikalischsten Menschen, weil sie uns und der Welt innewohnt, weil jede Faser unseres Körpers, jeder Gegenstand eine Schwingung produziert.

So bedeutet denn Musizieren mehr als feuchtfröhliches Trällern, mehr als chorisches Gemeinschaftsgefühl, mehr als zum Tanzen oder Marschieren einladender Rhythmus. Musik ist das Fundament der Materie selber, Töne sind ihre Bausteine und Melodien ihre Architektur. Ein jedes Menschenleben ist ein einmaliges Musikstück, ein Stück, das weder eingeübt noch wiederholt werden kann.

Nein, nicht das Wort war zuerst, sondern der Ton, und der Ton wurde Musik, und die Musik wurde Fleisch. Wenn zwei Menschen miteinander sprechen, streiten, tanzen, im Liebesrausch durch Lusträume schweben, dann verschlingen sich Sonaten mit Arien.

Die Welt ist Musik. Was wir am Ende unseres Lebens vorlegen, ist eine Partitur. Die Zeichen darauf sind unser Schicksal. Ob sie Dissonanzen vorweisen oder Harmonien, hängt nur von uns ab.

Es soll hier und heute entschieden werden, ob wir der Musik den Stellenwert einräumen, der ihr gebührt. Einige finden, dieses Bekenntnis sei zu teuer. Ich aber finde es billig, dass wir vorbehaltlos unterstützen, was uns teuer ist.

Wer heute lernt, auf Tönen zu entschweben, den wird keine Verzweiflung je einholen können; wer das wunderbare Zusammenspiel der Klangwelten versteht, der versteht den Sinn des Lebens. Und wer im Leben einen Sinn findet, der verliert die Hoffnung nie. Wie viel Leid ist schon durch Musik geheilt, wie viel Hader in Töne verwoben worden, um der bedrückten Seele Erleichterung zu verschaffen! Denken wir an Mozart, der komponierend die Türen des Todes aufstiess und zur Unsterblichkeit vordrang; denken wir an Schubert, der seine Lieder wie Balsam auf seine Wunden strich.

Orpheus ist kein Mythos. Jeder von uns kann durch seinen Gesang Steine zum Weinen bringen - der zum Lachen, wenn er falsch singt.

Ein Mensch, der sich der Musik verschliesst, verschliesst sich der Welt, verwehrt sich dem eigenen Leben. Er mag wohl ein Meister der staatspolitischen Räson sein, ein Adler auf dem Steuerhorst und wie ein Affe auf Bilanzen herumklettern - er lebt am Leben vorbei.

Die Initiative "Jugend und Musik" verlangt, dass wir den künftigen Generationen ein Instrument in die Hand geben, das nicht Geld, nicht Ruhm, nicht Macht produziert, sondern Sein - ein Instrument, das ihnen den Weg in die eigene Seele weist, damit sie zu sich selber finden. Es ist Zeit, dass dieser fensterlose Raum von etwas anderem bewohnt wird als von verbaler Verstimmung, Zeit, dass die hier erzeugten Schwingungen, wenn schon auf taube Ohren, dann wenigstens auf offene Herzen stossen. Darum bitte ich heute nicht nur um Unterstützung der Initiative "Jugend und Musik", sondern um etwas musikalischere Töne bei den künftigen Voten in diesem Saal. Dann werden wir in ganz anderen Tönen verhandeln und die Herzen der Mitmenschen draussen bereichern.

Auf denn, Menschenbrüder: "Die holde Kunst, sie werde jetzt zur Tat!" Unterstützen Sie diese Initiative!