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Rechsteiner Paul · Nationalrat · 2011-03-17

Rechsteiner Paul · Nationalrat · St. Gallen · Sozialdemokratische Fraktion · 2011-03-17

Wortprotokoll

Das Recht auf Ferien gehört zu den zentralen Ansprüchen, die sich aus einem Arbeitsvertrag ergeben. Was wäre denn ein Arbeitsverhältnis ohne Ferien, ohne abgesicherte Auszeit für Erholung, für Reisen, für die Familie? Aber inzwischen sind es geschlagene 27 Jahre her seit dem letzten Fortschritt beim gesetzlichen Ferienanspruch, also eine ganze Generation, mehr als ein Vierteljahrhundert. Jetzt ist es wieder Zeit für einen Fortschritt für die arbeitenden Menschen, für einen grösseren Schritt nach vorn. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben es verdient, mehr als verdient. Warum?

Die Zeit ist in diesen 27 Jahren nicht stehengeblieben. Die Arbeitsproduktivität ist gerade in der Schweiz in diesen Jahren ganz enorm gesteigert worden, wie fast nie zuvor. Die Schweiz gehört weltweit zu den Ländern mit der höchsten Arbeitsproduktivität. Mit dieser Steigerung der Arbeitsproduktivität haben die Löhne nicht Schritt gehalten, vor allem nicht jene der grossen Mehrheit mit kleineren und mittleren Einkommen. Kassiert haben nur jene mit hohen und höchsten Löhnen, und zwar masslos, in früher unvorstellbaren Dimensionen. Jetzt ist es Zeit für Fortschritte auch für das normale Volk, für die Leute mit niederen und mittleren Einkommen, die das Ganze ja auch erarbeiten und erarbeitet haben. Es ist Zeit für Fortschritte nicht nur beim Lohn, sondern auch bei der Arbeitszeit. Bei uns sind die Arbeitszeiten im internationalen Vergleich sehr hoch, vor allem die Wochenarbeitszeiten.

Fortschritte bei der Arbeitszeit, beim Ferienanspruch braucht es aber auch aus einem anderen Grund. Die Arbeit hat sich in diesen 27 Jahren ganz enorm verdichtet und intensiviert, flexibilisiert und beschleunigt. Das ist eine Kehrseite der Steigerung der Produktivität. Der Druck wird an die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer weitergegeben, bis hin zur sogenannten Entgrenzung der Arbeit. Das heisst, man ist zunehmend auch ausserhalb der Arbeitszeit erreichbar, nimmt die Probleme, die gelöst werden müssen, mit nach Hause und bekommt erst in den Ferien wieder eine gewisse Distanz dazu. Der Stress und das sogenannte Burnout, das Ausbrennen, werden immer mehr zu einem Problem für die Volksgesundheit. Während die Zahl der Arbeitsunfälle durch die Unfallprävention zurückgedrängt werden konnte, nehmen die arbeitsbedingten Stresserkrankungen in besorgniserregendem Mass zu. All das macht es nötig, dass es wieder Fortschritte bei der Arbeitszeit bzw. den Ferien gibt, denn wir leben ja nicht nur, um zu arbeiten.

Selbstverständlich wollen die Gewerkschaften Fortschritte wie jene bei den Ferien in erster Linie mit Gesamtarbeitsverträgen erreichen. Aber was ist mit all jenen, die nicht durch gute Gesamtarbeitsverträge geschützt sind? Das sind ja oft jene mit den schwierigsten Arbeitsbedingungen. Wir können sie doch nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Auch sie leisten gute, produktive Arbeit, auch für sie braucht es anständige Regeln im Arbeitsverhältnis, und auch für sie setzen wir Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter uns ein, heute genauso wie vor bald dreissig Jahren bei der Volksinitiative für 4 Wochen Ferien im Minimum. Bis 1984 waren es ja nur 2 Wochen pro Jahr.

Ein Letztes: Der Baumeisterverband wehrte sich lange Zeit gegen längere Ferien und die Frühpensionierung. Heute ist er, wie seine Imagekampagne zeigt, stolz auf die guten Arbeitsbedingungen, darunter 6 Wochen Ferien ab 50 Jahren. Das ist das Rezept, meine Damen und Herren von den Bürgerlichen: Sie sollten auf gute Arbeitsbedingungen stolz sein und diese nicht bekämpfen; Sie sollten stolz sein, dass die höhere Arbeitsproduktivität zu Fortschritten nicht nur beim Lohn, sondern auch beim Ferienanspruch führt.

Sagen Sie deshalb Ja zur Initiative, mindestens aber zum Minimalanspruch von 5 Wochen.