Fässler-Osterwalder Hildegard · Nationalrat · 2011-03-17
Fässler-Osterwalder Hildegard · Nationalrat · St. Gallen · Sozialdemokratische Fraktion · 2011-03-17
Wortprotokoll
Sie könnten denken, dass diese Initiative unseren Betrieben und unserer Volkswirtschaft schaden könnte - weit gefehlt! Ich möchte Ihnen aufzeigen, warum das Gegenteil der Fall ist.
In der WAK-Sitzung vom 23. November des letzten Jahres haben wir verschiedene Experten angehört, darunter Herrn Professor Franz Schultheis vom Soziologischen Seminar der Universität St. Gallen und Herrn Professor Norbert Semmer, Arbeitspsychologe an der Universität Bern. Herr Schultheis hat uns die Resultate der wichtigsten Studien im Bereich "Nachhaltige Entwicklung von Humankapital" ausgeführt. Aus Sicht des Managements gilt Folgendes: Es erwartet von den Arbeitnehmern Flexibilität, lebenslanges Lernen, Mobilität, Selbstkontrolle, Selbstevaluation, Selbstmanagement, Arbeit in Netzwerken, Arbeit in Projekten - kurz: eine lebenslange, vielfältige Arbeit am eigenen Arbeitsvermögen. Die Anforderungen sind also stark gestiegen. Arbeitnehmer wiederum nehmen diese Entwicklung als Beschleunigung und Entgrenzung von Freizeit und Familienzeit wahr. Man nimmt mit nach Hause - wenn auch oft nur im Kopf -, was man an Arbeit hat, trennt nicht mehr, schaltet zu wenig ab. So viel zu den Resultaten von verschiedenen Langzeitstudien.
Auf der anderen Seite gibt es den Wunsch der Wirtschaft, die Menschen länger im Arbeitsprozess zu behalten, mindestens bis zum Pensionsalter. Da geht es darum, Know-how-Verlust vorzubeugen und auch die demografische Entwicklung zu berücksichtigen. Damit dies möglich ist, damit man auch bis zum Pensionsalter arbeitsfähig ist, braucht es eine Life-Work-Balance oder eine Work-Life-Balance - wie Sie wollen. Herr Professor Semmer hat uns aufgezeigt, dass es im Alter von 50 bis 60 Jahren eine Rolle spielt, wie viele ausgeglichene oder eben nichtausgeglichene Belastungen man in jüngeren Jahren erfahren hat. Klar ist, dass sich Arbeitnehmer nach den Ferien besser fühlen, dass sie weniger müde und dass sie erholt sind.
Im Gegensatz dazu steht die Aussage von Herrn Hassler, der behauptet hat, dass vor allem das Ferienmachen die Leute belaste. Ich möchte dazu nur sagen: Wenn ich persönlich mich auf einen Marathon vorbereite, bin ich viel arbeitsfähiger, als wenn ich das nicht tue. Der Effekt ist zudem wesentlich besser, wenn die Ferien nicht nur ein paar wenige Tage, sondern ein, zwei Wochen dauern. Leider ist der Effekt nach einigen Wochen wieder verschwunden. Mit mindestens 6 Wochen Ferien wären alle zwei Monate eine Woche oder in jedem Quartal anderthalb Wochen Ferien möglich - das wäre auch ein Szenario gegen Burnout und Ähnliches.
Sie sehen: Ein nachhaltiger Umgang mit den Arbeitnehmern ermöglicht bessere Arbeitsleistungen über eine längere Zeit, auch bis ins Pensionsalter hinein. Daran sollten Sie bei Ihrer Meinungsbildung zu dieser Initiative denken. Höhere Produktivität ist eben nicht nur von der Arbeitszeit abhängig, sondern ganz wesentlich von den Rahmenbedingungen, also auch von den zur Verfügung stehenden Ferien.
Ich bitte Sie, die Initiative zur Annahme zu empfehlen.