Chopard-Acklin Max · Nationalrat · 2011-03-17
Chopard-Acklin Max · Nationalrat · Aargau · Sozialdemokratische Fraktion · 2011-03-17
Wortprotokoll
6 Wochen Ferien seien ungesund für die Wirtschaft, sagen die einen. Zunehmender Stress am Arbeitsplatz ohne Ausgleich ist ungesund für alle, das sage ich. Als Gewerkschafter, der sieht, wie sich der wirtschaftliche Wandel auf die Beschäftigten auswirkt, werde ich die Volksinitiative und natürlich auch die parlamentarischen Initiativen unterstützen, die den Mindestferienanspruch erhöhen wollen; dies im Wesentlichen aus zwei Gründen:
1. Ich bin davon überzeugt, dass es eine gewisse Kompensation für den zunehmenden Stress am Arbeitsplatz braucht. Die Produktivität ist in den letzten Jahren in vielen Branchen gestiegen, während die Arbeitszeit stagnierte. Das heisst, der durchschnittliche Output pro Arbeitsplatz hat zugenommen. Die Beschäftigten leisten also mehr, oder sie bedienen schnellere und eben auch anspruchsvollere Maschinen und Geräte. Es ist wichtig, dass zumindest ein Teil dieser Produktivitätsgewinne in Form von Freizeit an die Beschäftigten weitergegeben wird. Auch die arbeitszeitlichen Rahmenbedingungen haben sich in den letzten Jahren massiv gewandelt. Die Arbeitszeit wurde stark flexibilisiert. Die Nacht wird immer mehr zum Arbeitstag; der Sonntag wird immer mehr zum Werktag, liebe CVP-Fraktion. Das belastet das soziale Umfeld, die Familie und die Freizeit.
2. Man weiss, dass die härter werdende wirtschaftliche Realität auch hohe Gesundheitskosten auslöst. Man spricht von gesundheitlichen Folgekosten für die Volkswirtschaft von jährlich mehreren Milliarden Franken. Der zunehmende Druck am Arbeitsplatz verursacht Folgekosten. Das ist aus volkswirtschaftlicher Sicht eine ernstzunehmende Situation. Gemäss Seco-Studie fühlen sich in der Schweiz vier von fünf - vier von fünf! - Erwerbstätigen gestresst, davon gut ein Viertel oft oder sehr oft. Ferien bauen Stress ab. Sie sind im Interesse des Gesundheitsschutzes und des Ausgleichs wichtig, damit man leistungsfähige Menschen am Arbeitsplatz hat. Jeder Mensch braucht Erholungsphasen.
Ich teile die Einschätzung der Schlussfolgerungen einer Analyse zum Thema Stress der Organisation Gesundheitsförderung Schweiz. Diese hielt unter dem Titel "Was bringt die Zukunft? Was ist zu erwarten, wenn nichts unternommen wird?" Folgendes fest: "Der voraussichtlich anhaltende soziale Wandel und der wachsende wirtschaftliche Druck führen dazu, dass chronische Belastungen sowie Mehrfachbelastungen noch zunehmen werden. Damit werden auch die Bewältigung kritischer Lebensereignisse und biografische Übergänge erschwert. Die Relevanz von Stress als einem der wichtigsten Risikofaktoren für psychische (und physische) Gesundheit gewinnt an Bedeutung. Die Last psychischer (und physischer) Krankheiten wird ohne gezielte und wirksame Massnahmen weiter steigen und ein noch gewichtigerer sozialer und volkswirtschaftlicher Faktor werden."
Eine nachhaltige Wirtschaft - und davon wird in diesem Saal immer wieder gesprochen - kann sich nur in einer gesunden Umwelt mit sozialen Leitplanken entwickeln. Dazu gehören genügend Erholungsphasen für die Menschen dieser Wirtschaft. Ich werde daher die Volksinitiative "6 Wochen Ferien für alle" mit Überzeugung unterstützen und bitte Sie, dasselbe zu tun.