Meier-Schatz Lucrezia · Nationalrat · 2011-03-17
Meier-Schatz Lucrezia · Nationalrat · St. Gallen · Fraktion CVP/EVP/glp · 2011-03-17
Wortprotokoll
Vor noch nicht allzu langer Zeit kannten wir noch klare Arbeitszeitstrukturen, eine klare Abgrenzung zwischen Privat- und Berufsleben. Doch im heutigen Zeitalter der Wissens- und Technologiegesellschaft, in dieser Dienstleistungsgesellschaft haben sich die Zeitmuster völlig verändert. Viele Mitarbeitende kennen keinen klaren Rhythmus mehr. Es gibt vermehrt lokale Zeiten und weniger nur noch Produktionszeiten. Die Berufszeit oder auch die öffentliche Zeit drängen immer mehr in die Privatzeit; das ist eine Folge des Einzugs ins digitale Zeitalter. In wenigen Jahren, etwa 2020, wird die Generation der Digital Natives in unseren Unternehmen die Mehrheit bilden, und mit ihnen wird sich die Arbeitswelt nochmals verändern. Doch bereits heute stellen wir fest, dass wir uns vermehrt die Frage stellen müssen, wie wir in dieser Beschleunigungsgesellschaft mit der Zeit umgehen wollen.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Vielfalt der Eigenzeiten zu gestalten, persönliche Lösungen zu suchen, um mit den veränderten heutigen Zeitanforderungen der Arbeits- und Privatwelt zurechtzukommen. Und doch dürfen wir nicht ignorieren, dass wir es mit einem doppelten Akzelerationszirkel zu tun haben. Auf der einen Seite haben wir die technische Beschleunigung, angetrieben durch den ökonomischen Motor, und auf der anderen Seite die Beschleunigung des sozialen und demografischen Wandels. Diese Kombination setzt die Menschen vermehrt unter Druck, und es gilt, verschiedene Lebensentwürfe - Beruf; Beruf und Partnerschaft; Beruf, Partnerschaft und Familie - zu vereinbaren. Die Zeitstrukturen werden hinterfragt, und die doppelte Beschleunigung bleibt nicht ohne Folgen für den Einzelnen. So stellen wir fest, dass einerseits der Absentismus jährliche Kosten von bis zu 10 Milliarden Franken verursacht und dass andererseits Frauen wie Männer flexiblere Zeitstrukturen für den Alltag wünschen, damit sie diesen Alltag besser gestalten können. Dieser Aspekt der Vereinbarkeit ist ein zentraler, denn es ist wohl eine der schwierigsten Synchronisationsaufgaben, die sich heute den Menschen stellen.
Dennoch möchte ich nicht auf den ersten Aspekt näher eingehen und den Fokus nicht auf die Volksinitiative von Travail Suisse, sondern ihn auf die ebenfalls zur Abstimmung stehende parlamentarische Initiative de Buman legen. Diese parlamentarische Initiative verspricht lediglich eine kleine Verbesserung, indem der Initiant eine fünfte Ferienwoche für alle Personen über 50 vorschlägt - ein kleiner, aber dennoch nicht unbedeutender Schritt. Heute haben 90 Prozent aller Arbeitnehmer über 50 - wir haben es mehrmals gehört - 5 Wochen Ferien, dies, weil die Arbeitgeber erkannt haben, dass ältere Arbeitnehmer längere Erholungsphasen benötigen, um die Belastung bei der Arbeit ausgleichen zu können. Um sich vom steten Arbeitsdruck erholen zu können, wurden sozialpartnerschaftliche Lösungen vorangetrieben, mit der Folge, dass die fünfte Ferienwoche ab 50 Jahren in der Arbeitswelt weit verbreitet ist.
Man kann nun argumentieren, dass daher kein Handlungsbedarf bestehe. Das ist leider falsch. Denn für die restlichen 10 Prozent hat sich in den letzten zehn Jahren kaum etwas verändert. Ich erinnere daran, dass 2003, also vor acht Jahren, die Mehrheit der WAK-NR bei der gleichlautenden parlamentarischen Initiative 01.437 Folgegeben beantragt hat. In der Zwischenzeit hat sich die Situation für die betroffenen Menschen leider nicht verändert. Es sind primär Frauen und Angehörige der tieferen Sozialschichten, welche in Branchen ohne Gesamtarbeitsvertrag tätig sind und nicht in den Genuss einer fünften Ferienwoche kommen. Diese Menschen leiden oft unter der Monotonie ihrer Tätigkeit, sie üben oft eine Arbeit aus, die physisch viel Energie beansprucht und daher auch langfristig die Lebensqualität beeinträchtigt. Genau um diese Menschen geht es bei diesem Vorstoss. Diesen Menschen will die parlamentarische Initiative de Buman eine fünfte Ferienwoche gewähren.
Ich lade Sie ein, zumindest dieser Initiative zum Durchbruch zu verhelfen.